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Sexismus-Debatte: Polizistinnen wehren sich gegen Dienst in extra-sexy Uniform

Polizistinnen protestieren gegen sexy Uniformen
Leggings, High Heels, Make-up: Diese Uniform löst heftige Sexismus-Debatten aus.

Auswahlkriterium: Weiblich. Jung. Sexy.

"Das ist nicht sexistisch, wir haben in unserer Truppe ja auch fette Chicks!" In Mexiko hatten gleich zwei Polizeichefs eine Idee, die auf der nach oben offenen Diskriminierungsskala recht ordentliche Werte erreicht. Sie gründeten Spezial-Einheiten, deren Mitglieder nur eines sein müssen: Weiblich. Jung. Sexy. Einer der Herren ließ für seine Frauentruppe sogar extra eine Uniform schneidern, in der die Ordnungskräfte wirkten, als ob sie auf dem Weg zum extra-heftigen Junggesellinen-Abschied wären. Um jetzt mal einen relativ jugendfreien Vergleich zu wählen.

Von Ursula Willimsky

Beginnen wir mit dem harmloseren Beispiel, mit dem Polizeichef von Acapulco, der offenbar ein bisschen stolz darauf ist, dass er auch Frauen jenseits von Size 0 als Polizistinnen akzeptiert. Wenn er über seine - rein weibliche - Truppe spricht, ahnt man: Der Mann hat so manche Zeitströmung noch nicht ganz verinnerlicht.

Er hat ja auch ganz andere Probleme: Sein Revier macht in jüngster Zeit weniger wegen landschaftlicher Reize als viel mehr wegen der hohen Kriminalitätsrate von sich reden. Um dem gegenzusteuern, gründete er die neue Fraueneinheit, das Einstellungsgespräch führte er mit jeder der Bewerberinnen persönlich. Die handverlesenen Frauen mussten eine dreimonatige Ausbildung absolvieren, dann durften sie in der Strandgegend Dienst tun.

Der Polizeichef ist stolz auf seine Einheit, die "die sexieste Polizei der Welt" ist, wie er der Daily Mail erklärte. Die frisch gecasteten Ordnungskräfte sollen kraft ihres Aussehens den Touristen wieder Vertrauen in den Badeort einflößen. Und: Er sieht in ihnen tatsächlich auch scharfe Waffen gegen irgendwelche Übeltäter. "Was meinen sie, wie jemand reagiert, der hier mit dem Auto durchrast und dann von einem sexy Girl gestoppt wird", erklärt der Polizeichef seine ausgeklügelte Taktik. "Die Jungs sind dann plötzlich sehr einsichtsbereit."

Ja. Klar. Eine Verwarnung durch eine gut ausgebildete Durchschnittspolizistin: völlig wirkungslos. Aber wenn ein Ipanema-Girl mit einem Knöllchen winkt, dann - schakalaka! - klappt das mit der Einsicht und öffentlichen Sicherheit auf jeden Fall. Es reicht also völlig, dass eine Frau attraktiv ist, mehr muss sie für einen Job nicht mitbringen (und andernfalls bekäme sie den Job, so unsere Vermutung, auch gar nicht).

Rein optische Aufgaben

Jetzt wäre der richtige Moment, den Polizeichef mit Häme zu überschütten. Sein angestaubtes Frauenbild anzuprangern oder einfach nur die Daily Mail mit ihrer hübschen Schlagzeile "Treffen Sie die am wenigsten politisch korrekte Polizeitruppe der Welt" zu zitieren. Aber schlimmer geht immer. In Acapulco tragen die adretten Polizistinnen immerhin dezente Khaki-Shorts, einen Schlapphut gegen die Sonne und ein hellblaues Polo-Hemd. Und: Ihre Füße stecken in bequemen Schuhen, denen man ansieht, dass man in ihnen tatsächlich acht Stunden Streifendienst schieben kann.

Von solchen diensttauglichen Schuhen konnten die Showgirls, äääh, Ordnungshüterinnen aus Querétaro vermutlich nur träumen, wenn sie sich nach Dienstschluss die schmerzenden Zehen massierten. In dieser mexikanischen Stadt galten ähnliche Auswahlkriterien, allerdings wurden die Polizistinnen danach auch noch in Uniformen gesteckt von der Art, die gerne im dezenten Umschlag verschickt wird. Vielleicht stammen sie auch aus der Auflösung eines Erotik-Stores - so genau wollen wir es gar nicht wissen.

Hochhackige Overknees aus schwarzem Lackleder, ein ultrakurzes Uniform-Röckchen, schwarze Leggings, verspiegelte Sonnenbrillen, dickes Make-up: Auf Fotos wirken die Polizistinnen, als ob sie gerade einem Video aus Madonnas "Erotica"-Phase entsprungen wären.

Man ahnt: Auch hier war ein Mann der Vater der neuen Einheit. "Wie Vieh mussten wir uns vor mehreren Vorgesetzten präsentieren. Wir waren wütend, frustriert, traurig, fühlten uns erniedrigt und diskriminiert", zitiert "20 Minuten" eine der ausgebildeten Polizistinnen, die zum Dienst in der sexy Uniform verdonnert wurden. Ihr geplantes Einsatzgebiet als Ergänzung zur regulären Polizei: gesellschaftliche Ereignisse oder Empfänge. Hier ein hübsches Blumenarrangement, da ein aufsehendes Kunstwerk und dazwischen als Hingucker eine sexy Polizistin. In dem Fall wurden die Frauen gleich komplett auf ihr Aussehen reduziert.

Immerhin: Inzwischen sind die hohen Lackstiefel im Spind verschwunden, was vor allem auch am Unwillen der Polizistinnen lag, die sich "wie eine Show-Truppe" fühlten (was sie ja auch irgendwie waren). Außerdem wurden (surprise, surprise!) Stimmen laut, die Werte wie "Glaubwürdigkeit" oder "Vertrauen der Öffentlichkeit" in Gefahr sahen angesichts von Polizistinnen, die vielleicht auch andere Gedanken als den Wunsch nach der Wahrung von Recht und Ordnung provozierten.

Eine neue Führungsmannschaft entschied, dass die Uniformen zu unbequem seien und "zu sehr ablenkten". Ob sich auch jemand Gedanken über die Frage gemacht hat, ob es generell korrekt ist, Mitarbeiter nach ihrem Aussehen auszuwählen - darüber ist uns nichts bekannt.

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