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Sex ohne Liebe: Geht das wirklich?

Sexstellungen, das erste Mal & Selbstbefriedigung
Sexstellungen, das erste Mal & Selbstbefriedigung Die wichtigsten Sex-Fakten 00:00:47
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Sex ja, Liebe nein

Amanda ist fest entschlossen: Diesen rasend gut aussehenden Typen, der gerade wie ein Überraschungspräsent vom Nikolaus zur Tür hereingeschneit ist, vernascht sie jetzt. Einfach so. Als Lustobjekt. Denn warum sollen Frauen nicht auch können, was Männer traditionell immer mal gern praktizieren: Sex ohne Liebe.

Sex ohne Liebe
Ist Sex ohne Liebe für Frauen eine Option? © Lev Dolgatshjov, lev dolgachov

Von Christiane Stella Bongertz 

Das Sahneschnittchen ist der Bruder der Frau, mit der Amanda über Weihnachten das Haus getauscht hat, um sich von der Trennung von ihrem untreuen Freund zu erholen. Jawohl, sie will nur Sex. Bloß keine Gefühle. Endlich mal Spaß ohne Ärger, ohne Dramen, ohne emotionales Chaos. Und Graham, so heißt ihr Objekt der Begierde, ist begeistert. Endlich mal eine Frau, mit der er ohne Folgen ins Bett gehen kann. Die ihn nicht danach mit SMS, Telefonanrufen und Beziehungsabsichten belästigen wird. Und dann sieht dieses wild entschlossene Mädchen auch noch so unglaublich gut aus... Jude Law als Graham und Cameron Diaz als Amanda stürzen sich in dieser Szene aus "Liebe braucht keine Ferien" zusammen in die Laken – ungefähr fünf Minuten, nachdem sie sich kennen gelernt haben. Beide mit der festen Absicht, auf gar keinen Fall amouröse Absichten zu entwickeln. Großes Indianerehrenwort!

Frauen schließen Sex ohne Liebe nicht aus

Insbesondere für Frauen scheint es sich beim Thema um mehr als nur einen Trend zu handeln. Und zwar nicht nur in Hollywood-Schmachtfetzen: Nach einer brandneuen repräsentativen Umfrage des GEWIS-Instituts können sich sage und schreibe 95% aller deutschen Frauen super vorstellen, Sex ohne Liebe zu haben. Was für eine Überraschung! Galten doch Frauen bisher als das anhängliche Geschlecht. Als zart besaitete Wesen, die sich einem männlichen Sex-Partner nur öffnen können, wenn zumindest irgendwie die Hoffnung bestand, dass er auch nach dem Tête-à-tête noch für eine Beziehung zur Verfügung stehen würde.

Also alles ein Mythos? So sieht es zumindest auf den ersten Blick aus. Die 27jährige Mira jedenfalls hat ein Boy-Toy nach dem anderen, große Gefühle sind dabei ausdrücklich nicht erwünscht. Wohl aber schicke Muckis, gepflegte Erscheinung, ein knackiger Po und ausdauernde erotische Künste. Auch eine nicht zu kleine Ausstattung im Intimbereich ist durchaus willkommen. „Size matters“ findet Mira und wie 54 Prozent aller Frauen möchte sie beim Sex zum Orgasmus kommen. Das klappt zumindest bei ihr besser, wenn sie den Kerl, mit dem sie da gerade zugange ist, nach vollzogenen Tatsachen vor die Tür setzen kann. Sagt sie. Noch eine entzauberte Mär. Um zum Höhepunkt zu kommen, so wurde jahrzehntelang küchenpsychologisiert, brauchen Frauen Vertrauen. Das Gefühl, sich fallen lassen zu können. Und das, so hieß es immer, haben wir Damen nur in den Armen ihres liebenden Partners.

Egoismus im Bett macht den Sex besser

Sex ohne Liebe
Auch Frauen schätzen manchmal den schnellen Sex © Franz Pfluegl

Mira ist da ganz anderer Ansicht: "Bei einem One-Night-Stand ist es mir doch vollkommen wurst, was der Kerl von mir denkt. Erst wenn ich verliebt bin, mache ich mir über jeden Blödsinn Gedanken: Ob man vielleicht meine Cellulite sieht, ob ich zwei Kilo zuviel auf der Hüfte habe, ob ich zu lange brauche bis ich komme und so weiter. Dann will ich, dass er mich auch am nächsten Tag noch toll findet und dass er denkt: Boah, die ist gut im Bett, mit der will ich zusammenbleiben. Das ist richtig Arbeit, da bleibt manchmal der Spaß auf der Strecke. Wenn ich aber sowieso weiß, dass ich den Typen nie wieder sehen werde, bin ich total egoistisch und nehme mir, was ich will." Gerade diese Ego-Schiene bringt beim Sex oft besonders viel Genuss auf beiden Seiten. Nichts törnt Männer mehr an als eine Frau, die im Bett auf ihre Kosten kommt: Dann fühlt er sich in seiner Männlichkeit bestätigt.

So weit, so gut. Leider hat die GEWIS-Studie nur untersucht, was Frauen sich vorstellen können. Nicht das, was sie tatsächlich tun. Das Vorhaben "Spaß im Bett ohne Liebe" klingt natürlich erst mal so wunderbar verwegen, dass sicher die meisten von uns spontan "Klar kann ich mir das vorstellen." antworten würden, riefe uns denn ein netter Mitarbeiter eines Meinungsforschungsinstituts an. Auch alle in mehr oder weniger glücklichen Beziehungen. Und mit dem beruhigenden Wissen, dass wir theoretisch auch anders könnten, wenn wir wollten, setzen wir uns dann zurück zu unserem Freund aufs Sofa. Den drücken wir dann ganz fest und freuen uns, dass wir Sex mit Liebe haben. Naja, zumindest hin und wieder: Nur 38 Prozent aller deutschen Frauen sind mit ihrem Sexualleben voll und ganz glücklich. Viele trösten sich mit dem Gedanken, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt.

Liebe bleibt zum Selbstschutz draußen

Sex ohne Liebe
Sex ja, Liebe nein © BlueSkyImages - Fotolia, ALEX SEREBRYAKOV

Nicht so die 34-jährige Tanja, die einerseits glücklich verheiratet ist, aber sich nebenbei mit verschiedenen Lovern trifft, die ihre Bedürfnisse befriedigen. "Ein Mann allein reicht mir nicht, das war schon mit Sechzehn so." sagt sie. Sie rekrutiert die meisten Liebhaber übers Internet und tut das im Wissen ihres Ehemannes, der ebenfalls mit offizieller Genehmigung gelegentlich "fremdschläft". Bei vielen ist die emanzipierte Einstellung "Sex ja, Liebe nein" allerdings eine Folge unschöner Erfahrungen. Frauen, die Beziehungs-Enttäuschungen hinter sich haben, schotten ihre Gefühlswelt aus reinem Selbstschutz ab: Denn wer verliebt ist, ist verletzlich. So war das auch bei Mira. Nach der schmerzhaften Trennung von ihrem langjährigen Freund mit Streit, Tränen und Stress hatte sie die Nase voll von Beziehungen. "Noch so eine Geschichte hätte ich erst mal nicht verkraftet." sagt sie.

Auf Sex wollte sie trotzdem nicht verzichten und nahm sich ganz bewusst Jungs mit nach Hause, die sie zwar körperlich anmachten, aber nicht emotional. Das gab ihr einerseits das Gefühl, nicht einsam zu sein und befriedigte ihre Sehnsucht nach Hautkontakt. Gleichzeitig behielt sie aber alles unter Kontrolle. Bevor die Männer sie näher kennen lernen konnten, saßen ihre Part-Time-Lover schon wieder in der U-Bahn nach Hause. Was die oft gar nicht so lustig fanden. 

Wer unabhängig ist, wirkt attraktiv

Nicht nur, weil sie mit Mira Spaß hatten. Denn jemand, der unabhängig ist, auch in sexueller Hinsicht, wirkt extrem attraktiv. Um so reizvoller, wenn diese Person offenbar nicht zu haben ist. Kommen wir an dieser Stelle zurück zu Jude Law und Cameron Dias alias Amanda und Graham.

Am Morgen nach ihrer heißen Nacht trennten sich die beiden erneut mit der gegenseitigen Versicherung, es bestünde wirklich überhaupt keine Gefahr, dass diese reine Bettgeschichte in eine Beziehung münden könne. Keine Verpflichtungen, keine Hintergedanken. Damit wäre es auch völlig gefahrlos, sich noch mal zu treffen, so ganz unverbindlich.... Sie haben den Film nicht gesehen und möchten wissen, wie es weiterging? Kleiner Tipp: Was glauben Sie, warum der Film "Liebe braucht keine Ferien" heißt?

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