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Sex-Gespräche unter Freundinnen: Wie viel Offenheit tut gut?

Sex-Gespräche unter Freundinnen
Sex-Gespräche mit Freundinnen: Wie viel Offenheit ist okay?

Sex-Gespräche: Wenn Freundinnen über ihr Sex-Leben reden

Gute Freundinnen können über alles miteinander sprechen. Figurprobleme, Liebeskummer, Torschlusspanik. Sorgen um die Kinder, Stress bei der Arbeit. Der letzte Streit mit dem Partner. Wirklich gute Freundinnen gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie besprechen ihr Sexleben untereinander. Doch tut so viel Offenheit einer Freundschaft wirklich gut?

Von Julia Windhövel 

Ich weiß noch ganz genau, wie es war, als meine Mutter mit mir über Sex reden wollte. Damals war ich vierzehn Jahre alt und schon mehr als bedient durch die Aufklärungsstunden im Biounterricht, in denen wir Kondome über Bananen ziehen mussten. Während meine Mutter irgendetwas vom richtigen Zeitpunkt redete, dachte ich an Frederik.

Und daran, wie ich meiner besten Freundin Alice einen Tag zuvor mit stolz geschwollener Brust verkündet hatte, dass Frederik und ich jetzt zusammen seien. Vor mir lag die Welt des Händchenhaltens und des Knutschens, aber Sex? Nein, daran wollte ich nicht denken. Geschweige denn, darüber reden. Alice wollte das schon. "Und, ging jetzt was?", war ihre allmorgendliche Begrüßung in der Schule. Ich verneinte jedes Mal.

Und dann beging ich einen schwerwiegenden Fehler: Ich fragte sie nach ihren Erfahrungen mit ihrem Freund. "Ach, wir haben schon alles gemacht", platzte es aus ihr heraus, als hätte sie nur darauf gewartet, darüber zu sprechen. "Echt? Also wirklich alles?", frage ich ein wenig neidisch nach. Jetzt hatte sie ihr erstes Mal also schon hinter sich. "Na klar, gestern hat mich Kris' echt fett geleckt!" Mir stand vor Schreck der Mund offen. Sekunden vergingen, bis ich überhaupt verstand, was mir Alice da gerade erzählt hatte. Und noch bevor Alice - die gar nicht bemerkt hatte, dass sie mit dem Ausplaudern dieses pikanten Details einen Schritt zu weit gegangen war - weiter reden konnte, drehte ich mich um und ging.

Intime Sex-Gespräche: Was zum Teufel ist eine Taschenmuschi?

Leider sollte Alice bei weitem nicht die einzige Freundin in meinem Leben bleiben, die gern und viel über ihr Sexleben plaudert. Jahre später lernte ich Katja an der Uni kennen. All die ungezählten Nachmittage in Cafés, in denen wir über Männer gequatscht haben, all die lustigen Stunden in Seminaren, in den wir unseren Professor angehimmelt haben. All die langen, durchtanzten Nächte und verkaterten Morgen bei Milchkaffee und Croissants mit Chorizo. All die schönen Momente zerstört mit einem für meinen Geschmack viel zu offenen Gespräch über Katjas sexuelle Vorlieben. Denn die sind, sagen wir mal, sehr speziell.

"Was hältst Du eigentlich so von Sexspielzeug?", fragte sie mich, als wir mal wieder in unserem Lieblings-Café saßen. Bevor ich antwortete, wagte ich einen verschämten Blick in die Runde der anwesenden Café-Gäste, um herauszufinden, ob jemand lauschte. "Ich weiß nicht, kommt drauf an, was du meinst", entgegnete ich. "Na ja, jetzt nicht 'nen Dildo oder so 'was, das hat ja jeder. Ich denke da eher an so 'ne Taschenmuschi."

Ich lief rot an. Und das aus zwei guten Gründen. Zum einen hatte Katja das Wort "Taschenmuschi" so laut ausgesprochen, dass bestimmt die Hälfte aller anwesenden Gäste im Café zu uns herüber schaute. Und zum anderen hatte ich zwar das Wort akustisch verstanden, aber keinen blassen Schimmer, was eine "Taschenmuschi" ist. Ich entschied mich für die Offensive. "Was bitte ist eine Taschenmuschi?" Katja schmunzelt. Sie liebt es, wenn sie mich in Verlegenheit bringen kann. "Das sind Muschis aus Plastik im Mini-Format, ist aber alles dran. Stell dir einfach die Muschi von 'ner Gummipuppe vor, dann weißt Du, was ich meine. Thomas fährt voll auf die Dinger ab!"

Thomas war Katjas Freund, der sich eine halbe Stunde später zu uns gesellen sollte. Am liebsten hätte ich das Taschenmuschi-Thema sofort beendet, aber eine Frage brannte mir noch unter den Nägeln: "Und was zum Teufel hast Du davon, dass Thomas auf diese Dinger steht?" Katja sah mich entgeistert an. "Na, ist doch klar", entgegnete sie grinsend. "So kann ich mir vorstellen, wie geil das aussehen muss, wenn Thomas mich vögelt." Unsere Tischnachbarinnen, die bis dahin aufmerksam zugehört hatten, wendeten sich angeekelt ab. Genau das hätte ich auch gern getan, doch stattdessen starrte ich in meine Kaffeetasse, als gäbe es dort sonst etwas zu entdecken.

Als Thomas schließlich das Café betrat, nutzte ich die Chance, mich von Katja unter einem Vorwand zu verabschieden. Die Vorstellung, mit den beiden an einem Tisch zu sitzen und zu plaudern, womöglich gar über ihr Sexleben, war mir ein Graus. Seit dieser Offenbarung habe ich übrigens immer, wenn mir Thomas zufällig irgendwo über den Weg läuft, eine Taschenmuschi vor Augen. Katja habe ich später einmal gebeten, mir bitte keine weiteren pikanten Details aus ihrem Sexleben zu erzählen. Meine beste Freundin wollte ich nämlich wirklich nicht bei jedem Treffen mit dem einen oder anderen Sexspielzeug in der Hand vor Augen haben.

Wobei ich nach der Offenbarung meiner Freundin Francesca sagen muss, dass die Vorstellung eines Sexspielzeuges in der Hand noch harmlos ist. Francesca hat seit einigen Wochen einen neuen Freund. Tim ist gut zwei Köpfe größer als sie und wirkt schüchtern. Ganz das Gegenteil also von meiner Freundin, die ständig am Plappern ist und zu dem Typ Frau gehört, die gern ihr ganzes Leben detailliert in stundenlangen Telefonaten auseinanderpflücken. Und dazu gehören selbstverständlich auch all die schönen und nicht so schönen Momente ihrer Beziehung mit Tim. Als sie mich neulich anrief, war sie bester Laune. "Und, was gibt’s Neues?", fragte ich sie. Francesca ergriff augenblicklich ihre Chance. "Tim und ich haben gestern Abend 'was ganz Tolles ausprobiert", trällerte sie in den Hörer.

Bei mir schrillten alle Alarmglocken. Bitte nicht schon wieder eine Freundin, die mir Details aus ihrem Sexleben erzählt. Ich versuchte, ruhig zu bleiben und dem Gespräch eine unverfängliche Wendung zu geben: "Ah, du meinst das Rezept, das ich dir neulich gegeben habe?" Am anderen Ende der Leitung kicherte Francesca vor sich hin. "Äh, nein. Ich meinte jetzt eher 'was anderes", entgegnete sie. "Tim und ich haben uns gestanden, dass wir beide sehr gern mal Analsex miteinander hätten." Ich schwieg. "Und weißt Du was? Tim hatte sogar schon alles dabei, also so 'ne Gleitcreme und so."

Ich räusperte mich. Meine Kehle war staubtrocken. Vor meinen Augen schwebten Tuben, Kondome und schmerzverzerrte Gesichter. "Bist Du noch dran?", fragte Francesca. "Ja, ich, ähm. Ja, ich bin noch dran." Verzweifelt suchte ich nach den Worten, die mich aus dieser schrecklichen Situation heraus bringen konnten. Doch mir fiel nichts ein. Meine Freundin plauderte munter weiter. "Das Problem war dann nur, dass ich mich nicht sofort richtig entspannen konnte. Ich hatte Angst, dass es weh tut."

Ich wollte gerade zu einer Antwort nach dem Motto "Wenn Du es nicht willst, dann mach es auch nicht" ansetzen, als mir wieder einfiel, dass es auch Francescas Wunsch war, Analsex mit Tim zu haben. Francesca überging mein Zögern und fuhr fort: "Und weißt du, was ich jetzt mache, damit ich beim nächsten Mal schon gedehnt genug bin?" Jede einzelne Faser meines Körpers schrie "Nein, und ich will es auch nicht wissen!" Gesagt habe ich es leider nicht. Denn was mir Francesca dann erzählte, übertraf alles, was ich bisher an Dingen von Freundinnen erfahren hatte, die ich definitiv nicht wissen wollte. "Ich habe mir eine Karotte aus dem Kühlschrank genommen und sie mir reingesteckt."

Mir wurde schlecht. "Francesca, ich muss dann auch mal los", platzte es aus mir heraus. Doch das hat sie wohl überhört. "Als die Dehnung gut war, hab ich dann die Karotte gegen ein Stück Gurke getauscht. Meinst du eigentlich, das ist schädlich? Sollte ich besser einen Dildo nehmen?" Ich konnte nur noch etwas wie "Keine Ahnung, ich muss jetzt wirklich los" hervor bringen. Dann legte ich auf. Vielleicht sollte ich einfach mal den Mut aufbringen und von Anfang an klarstellen, dass man mit mir über vieles, aber nicht über alles reden kann. Manche Dinge sollte man auch unter besten Freundinnen für sich behalten. Ich habe nämlich keine Lust, irgendwann alle meine Freundinnen nur noch mit Karotten im Po oder Taschenmuschi-Freunden vor Augen zu haben.

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