Selbstmord wegen Zwangsheirat: Marokkanerin (16) sagt "Ja" zum Tod

Selbstmord wegen Zwangsheirat: Marokkanerin (16) sagt "Ja" zum Tod
© picture-alliance/ dpa, Boris Roessler

Selbstmord als einziger Ausweg?

Eine junge Marokkanerin hat sich das Leben genommen, nachdem ihre Familie und die des Täters beschlossen hatten, dass sie ihren Vergewaltiger heiraten soll. Frauenrechtlerinnen sind empört und protestieren, die marokkanische Familienministerin fordert ein neues Gesetz zum Schutz von Frauen.

Von Merle Wuttke

Sie war erst 16 Jahre alt und hatte noch das ganze Leben vor sich. Aber statt einer lebenswerten Zukunft sah sie nur noch ein großes schwarzes Loch: Denn Amina Al Filali sollte auf Anordnung eines Familiengerichts den Mann heiraten, der sie zuvor vergewaltigt hatte. Ihre Eltern hatten in die Heirat eingewilligt. Die Rechtsprechung des Landes ermöglicht einem Vergewaltiger ohne Strafe davon zu kommen, wenn er das Opfer ehelicht. Obwohl in Marokko Gewalt gegen Frauen offiziell verboten ist, hat niemand dieses Mädchen vor und nach der Tat geschützt. Amina Al Filali nahm sich deshalb aus lauter Verzweiflung mit Rattengift das Leben.

Wie kann man Frauen vor Zwangsheirat schützen?

Der Selbstmord des Mädchens ist tragisch. Man mag sich kaum ausmalen, wie hilflos und verzweifelt es war: Erst die Schande durch die Vergewaltigung, dann die Demütigung durch den Richterspruch – und niemand, der zu ihr hielt oder gegen dieses mittelalterliche Verfahren aufbegehrte. Nun wird Amina Al Filali zum Gesicht eines Protests. Viele marokkanische Online-Netzwerke haben von dem Fall gehört und verbreiteten ihn im Internet, sogar im marokkanischen Fernsehen wurde ausführlich darüber berichtet. Leider hilft all das Amina nicht weiter, aber vielleicht könnte es Mädchen und Frauen in einer ähnlichen Situation schützen. Zumindest gab jetzt sogar die Familienministerin zu, dass es „beim Schutz von Frauen ein echtes Problem“ in ihrem Land gäbe und kündigte Reformen an.

Zwangsverheiratungen sind eigentlich fast überall verboten, der Islam spricht sich sogar dagegen aus, eine Frau gegen ihren Willen zu verheiraten. Aber die Angst vor dem Verlust der „Ehre“, familiäre Strukturen und Machtmissbrauch führen immer wieder zu Fällen, in denen Mädchen gezwungen werden, zu heiraten. Handelt es sich beim Mann noch um ihren Peiniger, ist das „Arrangement“ doppelt pervers.

Die Täter selbst sind in solchen Fällen aus dem Schneider. Sie müssen nicht um ihr Leben fürchten, sie müssen nicht jeden Tag in Angst leben wie es die Frauen tun, sie schämen sich nicht - für sie geht das Leben einfach weiter. Nur, dass sie jetzt eine Frau haben. Das sie diese gewaltsam in ihre Hände bekommen haben, scheint keine Rolle zu spielen. Und auch, was jetzt mit Aminas Täter geschieht, steht noch nicht fest. Aber wahrscheinlich kommt er weiterhin ungeschoren davon, denn wo kein Opfer, da kein Kläger.

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