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Selbstbewusste Töchter: Wie vermittle ich meinem Kind ein vernünftiges Selbstbild?

Selbstbewusste Töchter: Wie vermittle ich meinem Kind ein vernünftiges Selbstbild?
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Töchter, Mütter und die Suche nach einem positiven Selbstbild

Jeden Morgen das gleiche Spiel: Meine 13-jährige Tochter tritt aus ihrem Zimmer, die (geglätteten) Haare ins Gesicht gekämmt, den Oberkörper notdürftig bedeckt mit etwas, was bestenfalls als Unterziehshirt durchgeht, einer hautengen Hose, die der Fantasie freien Lauf lässt, die bloßen Füße bei Minusgraden in offenen Sneakers. Ich seufze und mache mich bereit für den täglichen Kampf.

Von Alexandra Diemair

Der Kampf, den ich ausfechte, heißt Pubertät. Und das Thema, um das es geht, ist Schönheit, Außenbild. Es geht um das, was wir sind und wer wir sein wollen. Was wir mit unserer Kleidung ausdrücken, und welche Signale wir unter Umständen senden. Wie kurz darf er sein, der Rock? Wie rot dürfen die Lippen sein und wie tief der Ausschnitt?

Pubertierende Mädchen sind auf der Suche nach ihrer Identität, sie ziehen sich auffällig an, frisieren ihre Haare täglich aufwendig und tragen zu dick Schminke auf. Sie testen jeden Tag aufs Neue, wie sie auf andere wirken. Auf ihrem Weg zu ihrem neuen Ich orientieren sie sich an anderen. Sie verdecken ihre Makel, die sie immer wieder neu entdecken. Oft, viel zu oft fangen sie an, an ihrem Körper zu zweifeln, wollen ihn verändern. Der eigene Körper als zu optimierende Baustelle. Die Augen zu klein, die Beine zu kurz, der Bauch zu dick.

„Mama, darf ich mir die Haare färben?“, „Meine Nase ist so hässlich“ - und ich frage mich, was ich tun kann, um meiner Tochter ein positives Selbstbild zu vermitteln, Selbstbewusstsein, innere Stärke? Wie vermittle ich ihr auf der einen Seite das Selbstbewusstsein, auf ihren eigenen Körper stolz zu sein, die Souveränität, sich über Moderregeln und –vorschriften zu erheben, die innere Stärke zu sagen ‚So bin ich und nicht anders‘ und mache ihr auf der anderen Seite klar, dass sie mit ihrer Kleidung, ihrem Körper unter Umständen Signale aussendet, die ihr nicht bewusst oder zumindest nicht einschätzbar sind?

Wie soll man in einer Welt, die von gephotoshopten Hochglanzselfies ewig junger und gutgelaunter Instagram-Stars bevölkert ist, die ständig mit lasziv geschürzten Hyaluronlippen halbbekleidet in die Handykamera schmollen, seinen Töchtern überhaupt ein vernünftiges Bild von sich selbst als weibliches Wesen vermitteln?

Frauen müssen sich immer schön machen - warum eigentlich?

„Anders als viele vermuten, sind es nicht vorrangig die modernen Medien, die das Körperbild unserer Mädchen prägen – es sind wir Mütter“, schreibt die Londoner Psychoanalytikerin, Susie Orbach, die sich seit über 30 Jahren mit der Entwicklung weiblicher Körperbilder beschäftigt. Will sagen, unser eigenes Selbstbild, unser eigener Umgang mit Schönheit ist mit ausschlaggebend dafür, wie unsere Töchter damit umgehen. Na super. Denn sind wir mal ehrlich, wie oft stand ich schon vor dem Spiegel und habe über meine Figur geschimpft, habe mich über meine Falten oder mein strohiges Haar aufgeregt.

„Mama, warum machst du dir denn immer Make up ins Gesicht – du bist doch so schon schön“, hat meine jüngere Tochter irgendwann einmal zu mir gesagt, „Frauen müssen sich immer schön machen, warum eigentlich?“. Ja, warum eigentlich? Auf diese Frage hatte ich tausend und keine Antwort. „Weil es mir Spaß macht“, habe ich ihr schließlich geantwortet. Und vielleicht ist das auch - einer - der Schlüssel zu einem gesunden Selbstbild.

Ich kann mich schön machen, ich muss aber nicht. Ich weiß, wer ich bin, mit oder ohne Make up. Und ich bin genau so, wie ich bin, gut. Mode kann Spaß machen. Mit Make up kann ich mich verändern, eine neue Frisur kann mein Selbstbewusstsein heben, aber es ist alles nur schmückendes Beiwerk. Ich bin ich und so bin ich einmalig. Ich kenne meine Schwächen und meine Stärken und ich akzeptiere sie.

Und genau das ist es, was ich meinen Kindern vermitteln möchte. Sich selbst zu kennen und zu lieben. Es ist vielleicht eine der schwierigsten Herausforderungen des Lebens. Für mich. Und für meine Töchter. Und ich hoffe, ich kann sie dabei unterstützen. Zumindest versuche ich es. Jeden Tag auf Neue.

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