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Schwangerschaft und HIV: Kinderwunsch trotz AIDS?

Schwangerschaft und HIV - geht das?
Schwangerschaft und HIV - geht das? © Fotolia Deutschland

Familie gründen trotz AIDS

Mit 25 Jahren bekam Stefanie ihr Todesurteil - so dachte sie jedenfalls damals: HIV positiv - eine Diagnose, die bei jedem, der sie hört, zunächst einen Schock auslöst. Die junge Mutter lebte damals mit Mann und Kind in Bayern auf dem Land. Stefanies Angst um ihr eigenes Leben wurde schnell von der Sorge um den einjährigen Lukas verdrängt. Zunächst dachten die Ärzte, er wäre auch infiziert. Doch Lukas war gesund. Die "schmutzige Krankheit", wie Stefanie sie nennt, hatte ihr Ehemann auf sie übertragen. Der kleine Lukas blieb verschont. Einige Jahre später brachte Stefanie ein zweites Kind zur Welt, das ebenfalls vollkommen gesund war. Schwangerschaft und HIV - wie passt das zusammen?

Von Kerstin Kraska

Ein Einzelfall? Keineswegs! Obwohl Aids immer noch als unheilbar gilt und heute zu den fünf häufigsten Todesursachen weltweit gehört, hat sich im Bereich der Forschung in den vergangenen Jahren einiges getan: Wirksame Medikamente halten die Krankheit in Schach, so dass infizierte Frauen in den Industrieländern die Chance haben, ein normales Alter zu erreichen. Und das Infektionsrisiko von Ungeborenen konnte in den letzten Jahren von rund 30 Prozent auf unter zwei Prozent gesenkt werden. Als Aidskranke eine Familie zu gründen, ist also nicht nur möglich, sondern fast schon normal. Mutter und Kind müssen allerdings während der Schwangerschaft und der Entbindung intensiv betreut werden.

Der Umgang mit Aids könnte einfacher sein, als er ist. Der Immunschwäche-Krankheit haftet auch nach vielen Jahren noch das Stigma an, eine Bestrafung für falschen Lebenswandel zu sein. Das hat die infizierte Ricarda, 42, am eigenen Leib erfahren. Als in dem Vorort, in dem sie lebt, die Nachricht von ihrer Erkrankung die Runde machte, wurde sie als Schlampe abgestempelt: "Wenn es Männer trifft, heißt es: Die sind schwul oder Junkies. Bei Frauen sagte man nur: Na, das trifft die Richtige! Aids bekommt man nur, wenn man es auch verdient!" Die Ruhrpottlerin denkt noch heute mit Bitterkeit an damals zurück. Sie kämpfte bisher mit Erfolg gegen ihre Krankheit, bekam Kinder. Sie wollte helfen, aufklären und das Thema Aids aus der "Schmutzecke" holen. Doch aus Angst, dass ihre Söhne gemobbt oder stigmatisiert werden, schwieg sie.

AIDS und schwanger - geht das?

Andrea, 38, aus Hannover wusste schon seit vielen Jahren, dass sie HIV-positiv ist. Nach dem anfänglichen Schrecken, den die Nachricht bei ihr auslöste, lebte sie auf der Überholspur: Sie feierte wilde Partys, rauchte, trank und dachte sich: "Wenn ich schon sterben muss, dann will ich vorher noch Spaß haben!" Sie machte sich keine Gedanken über die Zukunft, rechnete immer damit, dass die Krankheit irgendwann bei ihr ausbrechen würde. Doch dann lernte sie Manfred kennen. Die beiden verliebten sich, zogen zusammen, und bald dachten sie auch über eine Familiengründung nach. Zuerst wollte Andrea nichts davon wissen: Aidskrank und schwanger - das ging in ihrer Vorstellung einfach nicht! Doch dann informierte sie sich und stellte fest: Ich bin nicht allein, sondern es gibt viele wie mich. Eine Erkenntnis, die tröstete und Mut machte.

Selbsthilfegruppen und Schwerpunktpraxen

Über eine Selbsthilfegruppe für aidskranke Frauen fand Andrea eine Praxis in ihrer Nähe, die bereit war, ihr bei ihrem Kinderwunsch zu helfen. Inzwischen gibt es in jedem Bundesland zahlreiche "Schwerpunktpraxen", in Großstädten sogar auf HIV-Patientinnen spezialisierte Kliniken. Dort erwartet die Frauen eine sehr gute Betreuung und die 99-prozentige Chance, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen. Eine dieser Kliniken ist im Berliner Virchow-Krankenhaus untergebracht. Dort werden pro Jahr etwa 50 Babys von HIV positiven Frauen entbunden.

Wie infizieren sich Babys?

Eine HIV-positive Mutter kann ihr Kind während der gesamten Schwangerschaft infizieren, und zwar immer dann, wenn das Baby mit ihrem Blut in Berührung kommt. Am häufigsten kommt es während des letzten Drittels der Schwangerschaft und besonders während des Geburtsvorgangs zu einer Übertragung des HI-Virus. Auch eine Scheideninfektion der Mutter ist ein möglicher Übertragungsweg. Dabei ist das Risiko einer Infektion umso größer, wenn:

•Die Krankheit der Mutter bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ist

•Die Viruskonzentration hoch und die Anzahl der Helferzellen bei der Schwangeren niedrig ist

•Es zusätzliche Infektionen bei der Mutter gibt wie zum Beispiel eine Hepatitis C Infektion

•Wenn es vorzeitige Wehen, einen vorzeitigen Blasensprung oder gar eine Frühgeburt gibt

Vorsorge bei Schwangerschaft und HIV

HIV kann durch Muttermilch übertragen werden.
HIV kann durch Muttermilch übertragen werden.

Zu den Vorsorge-Untersuchungen einer HIV-positiven Schwangeren gehören, wie bei anderen Schwangeren auch, die regelmäßigen gynäkologischen Kontrollen. Besonders wird hierbei darauf geachtet, dass es nicht zu Infektionen der Scheide oder des Muttermundes kommt. Diese sind nämlich Hauptursachen für einen vorzeitigen Blasensprung oder vorzeitige Wehen. Empfohlen werden auch Ultraschall-Feinuntersuchungen des Kindes. Abgeraten wird dagegen von einer Fruchtwasserpunktion, da sie das Infektionsrisiko für das Ungeborene erhöht.

Entscheiden sich die Eltern, trotz Erkrankung der Mutter das Kind zu bekommen, dann werden folgende Behandlungsschritte eingeleitet:

•Bei der Betreuung der Schwangeren sollten Aids-Therapeuten und Gynäkologen eng zusammenarbeiten.

•Die Schwangere muss eine angepasste Therapie gegen die HI-Viren erhalten. Diese antiretroviale Therapie, kurz ART genannt, richtet sich gegen eine Vermehrung der HI-Viren im Körper.

•Damit sich das Baby bei der Entbindung nicht infizieren kann, raten die Ärzte zu einem Kaiserschnitt, meistens in der 37. Schwangerschaftswoche, also noch vor Eintreten der Wehen.

•Ist das Kind geboren, sollte es vorbeugend ebenfalls eine antiretroviale Therapie erhalten.

HIV-Übertragung durch Muttermilch

Ist das Baby auf der Welt, dann möchten die Eltern natürlich so schnell wie möglich wissen, ob ihr Kleines infiziert ist. Dafür müssen die Antikörper im Blut des Neugeborenen bestimmt werden. Genaue und aussagekräftige Ergebnisse kann man aber erst durch Blutproben bei einem Kind erhalten, das etwa 15 bis 18 Monate alt ist. Sind keine Viruspartikel zu finden, ist das Kind HIV-negativ, und demnach gesund. Da infizierte Schwangere das Virus auch noch durch die Muttermilch übertragen können, wird ihnen geraten, ihr Kind nicht zu stillen.

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