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Schwanger nach Fehlgeburt: Bekomme ich noch ein Baby?

Fehlgeburt - Ich habe mein Baby verloren
Fehlgeburt - Ich habe mein Baby verloren So verarbeiten Frauen eine Fehlgeburt 00:04:05
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Schwanger nach Fehlgeburt - wie damit umgehen?

Bislang haben sie für die Behörden eigentlich nicht als Menschen existiert: Sogenannte „Sternenkinder“. Kinder also, die bei einer Fehlgeburt tot zur Welt kamen und weniger als 500 Gramm wogen. Ein neues Gesetz erlaubt es jetzt den Eltern, auch diese Kinder beim Standesamt registrieren zu lassen – und ihnen damit auch ganz offiziell einen Namen zu geben. Und sie dürfen offiziell beerdigt werden.

Sternenkinder: Eintrag beim Standesamt endlich möglich
Sternenkinder © Renee Jansoa - Fotolia, René Jansa Qwasyx

Von Ursula Willimsky

„Das ist eine ganz große emotionale Hilfe für die Eltern“, sagt Priv. Doz. Dr. Harald Abele vom Universitätsklinikum Tübingen. „Es war den Eltern bisher ja nicht zu erklären, weshalb ein paar Gramm darüber entscheiden, ob das Kind im Familienstammbuch eingetragen werden kann oder nicht.“ Für den Oberarzt mit dem Schwerpunkt Geburtsmedizin ist eine Fehlgeburt „nicht nur ein medizinisches Thema. Den Ärzten muss klar sein, dass die Frauen oft auch psychische Unterstützung brauchen.“ Um Trauerarbeit zu leisten, aber auch um Gefühle einer vermeintlichen eigenen Unzulänglichkeit abzubauen.

„Wir wollen den Frauen nach einer oder mehreren Fehlgeburten Mut machen“, sagt der Mediziner. Damit sie „den Weg nach vorne gehen können und erfolgreich schwanger werden können.“ Wir sprachen mit dem Arzt über das Leben nach einer Fehlgeburt – und baten ihn um Tipps für betroffene Frauen.

„Zunächst einmal muss klar gesagt werden, dass eine Fehlgeburt etwas ganz Natürliches ist“, sagt der Tübinger Oberarzt. Etwa 70 Prozent aller Schwangerschaften – so der aktuelle Wissensstand – endeten mit einer Fehlgeburt. „Meist nehmen das die Frauen aber gar nicht wahr“.

Rein naturwissenschaftlich betrachtet sei eine Fehlgeburt ein „Schutzmechanismus der Natur. Sie schützt vor einem Leben mit einem schwerstbehinderten Kind. Da ist die Natur sehr ehrlich.“ Immerhin handele es sich bei der Verschmelzung von männlichen und weiblichen Chromosomen um einen „sehr komplexen Prozess“ mit in gewisser Weise ungewissem Ausgang. Eine oder zwei Fehlgeburten seien – medizinisch gesehen – nicht bedenklich. Es gebe eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, wieder und diesmal erfolgreich schwanger zu werden. Erst nach der dritten spreche man von „Wiederholten Fehlgeburten (habituelle Aborte)“, nach denen die Frau einer besonderen medizinischen Betreuung bedürfe.

„Wobei auch da von Fall zu Fall unterschieden werden muss“, sagt Abele. „Eine junge Frau mit 24 kann es gelassener angehen. Sie hat noch viel Zeit, schwanger zu werden. Eine Frau mit 42 sollte vielleicht schon nach zwei Fehlgeburten besondere Hilfe suchen. Denn ihr bleibt weniger Zeit“. Schließlich wird nicht nur die Frau älter – sondern eben auch ihre Eizellen, die ja bereits im Embryo angelegt sind. Der erste Schritt ist ein ausführliches Gespräch mit dem eigenen Frauenarzt. Wenn all seine diagnostischen Mittel erschöpft sind, können die betroffenen Paare sich an ein „Zentrum für Kinderwunschtherapie“ wenden, in dem noch intensivere Ursachenforschung betrieben werden kann.

So werden Sie schwanger nach Fehlgeburt

Neben den Chromosomenstörungen gibt es noch weitere Ursachen für wiederholte Fehlgeburten. Manchmal gibt auch die genetische Untersuchung des Schwangerschaftsgewebes – üblich ab der dritten Fehlgeburt – weitere Hinweise auf die Gründe; zeigt zum Beispiel, dass das Baby Trisomie hatte. „Und nur in ganz seltenen Fällen stellt sich heraus, dass ein Paar keine gemeinsamen Kinder bekommen kann“, so Abele.

Doch bei der Betreuung solcher Paare geht es ja nicht nur um medizinische Fragen. Ganz wichtig, findet der Arzt, dass den betroffenen Paaren Mut gemacht wird. So bietet seine Klinik den Betroffenen immer ein ausführliches Nachgespräch an, um ihnen in ihrer Trauerarbeit zu helfen. Zudem litten viele Frauen in dieser Situation unter – vielleicht auch verborgenen – Gefühlen der Unzulänglichkeit: „Ich kann kein Kind bekommen.“ Solche Selbstvorwürfe gelte es auszuräumen. „Wir raten den Frauen, zu reden, reden, reden. Nach unserer Erfahrung ist es wichtig, dass die Frauen sich öffnen und für den Dialog offen bleiben. Nach unserer Erfahrung hilft es nicht, sich zurückzuziehen. Wer ein gesundes soziales Umfeld hat, findet dort vielleicht Unterstützung. Wem das fehlt, sollte sich auch für die Möglichkeit einer therapeutischen Begleitung öffnen.“ Auch um den Weg nach vorne gehen zu können – in Richtung einer erfolgreichen Schwangerschaft.

Für die es keinen „richtigen“ Zeitpunkt gibt. Als optimal gilt – wiederum aus medizinischer Sicht – ein Abstand von zwei bis drei Monatszyklen zur Fehlgeburt, so Abele. Dann sei die Gebärmutterschleimhaut wieder erholt und bereit für ihre Aufgabe. „Aber wenn man eher schwanger wird, dann ist das auch kein Problem“, beruhigt der Mediziner. Bei Frauen, die bereits mehrere späte Fehlgeburten erlitten haben, müssten allerdings im Einzelfall Vorsorgemaßnahmen getroffen werden: Das könne eine intensive gynäkologische Untersuchung sein, medikamentöse

Hilfestellungen oder eine operative Unterstützung des Gebärmutterhalses. Was nötig ist, muss der behandelnde Arzt im Einzelfall entscheiden – und jede späte Fehlgeburt ist ein Einzelfall.

Je offener die Frau mit ihrem Arzt spricht, desto besser kann er ihr helfen. Der offene Dialog mit Freunden, Verwandten und eben dem Arzt sei immens wichtig, betont der Tübinger Oberarzt. Aber leider für viele Frauen sehr schwer: Eine Fehlgeburt werde immer noch tabuisiert. Was sich nach Meinung von Priv. Doz. Dr. Abele auch darin zeigt, dass viele Frauen erst nach dem dritten Schwangerschaftsmonat wagen, sich so richtig auf ihr Kind zu freuen – und auch erst dann ihre Schwangerschaft bekannt geben.

Weitere Informationen zum Thema Sternenkinder finden Sie auch auf der gemeinnützigen Internetseite www.sternenkinder-vest.org.

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