GESUNDHEIT GESUNDHEIT

Schulstress: Wenn Kinder überfordert sind

Schulstress: Wenn Kinder überfordert sind
Kinder setzen sich in der Schule unter Druck - das macht krank. © dpa, Alina Novopashina

Die Schule macht Kinder krank

"Zuerst wurde mir immer öfter übel, dann habe ich fast jeden Tag Bauchkrämpfe gehabt", erzählt die zwölfjährige Mirja. Das ohnehin zarte Mädchen nahm rapide vier Kilo ab, fühlte sich völlig fertig und die Wärmflasche wurde zum Kuscheltier-Ersatz. Mutter Annika versuchte es mit Kamillentee und Schonkost, aber als Mirja selbst das nicht mehr bei sich behielt, machte sie kurzerhand einen Termin beim Arzt.

Von Daniele Erdorf

"Dass Mirja in Mathe und Chemie nicht auf ihrer knappen Vier sitzen bleiben wollte, war mir klar", sagt Mutter Annika. "Sie ist von sich aus ziemlich ehrgeizig. Aber ich habe mir nicht vorstellen können, dass die Schule sie krank macht." Die Mutter hatte deshalb auch nur eine körperliche Ursache im Verdacht und tippte auf einen Magen-Darm-Virus. Doch beim Arztbesuch zeigte sich, dass physisch alles in Ordnung war und im Gespräch wurde schnell klar, wie sehr Mirja die Schulnoten belasteten. Die Diagnose: psychosomatisch bedingte Bauchschmerzen.

"Viele Eltern machen sich kein Bild davon, wie vielfältig der Druck ist, dem Kinder und Jugendliche in der Schule ausgesetzt sein können", berichtet Dr. Thomas Fischbach, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein. "Wir sind eine Leistungsgesellschaft und bekommen das von Klein auf vermittelt. Manche Kinder machen sich aus Angst vor sozialem Versagen selbst Druck, aber viel häufiger wird er durch die Eltern oder das Umfeld erzeugt". Und das geschieht in vermeintlich bester Absicht. Schließlich sollen die Kids mit einem guten Schulabschluss eine möglichst optimale Startvoraussetzung für das Berufsleben haben.

Therapie gegen Stress bei Kindern

"Daneben", so Fischbach, der selbst Vater von drei Kindern ist, "spielt die Situation in der Klasse eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden. Ist das Klima schlecht oder wird gar gemobbt, treten gesundheitliche Probleme deutlich eher in Erscheinung."

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie, die von der Deutschen Angestellten Krankenkasse, DAK, bei der Universität Lüneburg in Auftrag gegeben wurde. Befragt wurden 4.500 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 21 Jahren in unterschiedlichen Bundesländern. Die Studie zeigt, dass vierzig Prozent der Schulkinder mehrmals in der Woche körperliche oder seelische Beschwerden haben. Unter den Schülern mit Symptomen verbinden mehr als die Hälfte die Schule mit negativen Gefühlen wie Versagensangst, Verzweiflung, Leistungs- und Gruppendruck. Jeder zweite Schüler mit Beschwerden leidet außerdem unter Prüfungsangst. "Kommt dann noch Ablehnung oder Mobbing durch die Lehrer hinzu", so Fischbach, "sind die Kinder total überfordert und reagieren mit Bauchweh, Kopfschmerzen und anderen Beschwerden."

Ein weiteres Resultat der Studie: Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Psychologen erklären dies damit, dass Mädchen oft verschlossener und introvertierter sind als Jungen. Sie schlucken mehr Sorgen, Frust und Ängste herunter und diese verdrängten Gefühle arbeiten sich dann später als psychosomatische Probleme an die Oberfläche. "Jungs", so Kinderarzt Fischbach, "lassen eher mal richtig Dampf ab und verschaffen sich damit emotional Luft."

Die Symptome reichen von Übelkeit und Bauchschmerzen, über Rückenprobleme, Kopfschmerzen, Schwindel bis hin zu Schlafstörungen und Ansätzen depressiver Verstimmung. Dr. Thomas Fischbach: "Schon Grundschulkinder zeigen eine oft komplexe und schwer zu fassende psychosomatische Symptomatik." Hier ist die Abklärung durch den Arzt erforderlich. "Organische Ursachen müssen unbedingt ausgeschlossen werden, bevor Stress und Schule im Fokus stehen." Dass rein gesundheitliche Auslöser nicht immer dramatisch sein müssen, zeigt der Fall des Viertklässlers Jonas: Er klagte immer dann über schlimme Kopfschmerzen, wenn er im Klassenzimmer saß oder Hausaufgaben machte. Trotz Anfangsverdacht - die Schule war nicht dran schuld: Jonas plagte ein Sehfehler und die Überanstrengung der Augen verursachte Kopfweh. Mit der Therapie - einer Brille - verschwand auch der Schmerz.

"Entscheidend ist, den Dingen auf den Grund zu gehen", mahnt der Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein. "Kids können ihre Probleme oft nicht richtig zuordnen und haben noch wenig Gespür dafür, wann sie ihre Leistungsgrenzen überschreiten. Eltern, so Fischbach weiter, "sollten aufmerksam sein und quasi immer ein Ohr am Nachwuchs haben." Wichtig ist dabei, die Bindung zum Kind zu halten und immer wieder Gespräche anzubieten, zu signalisieren: ich bin für dich da. Wollen die Kinder nichts erzählen oder nicht antworten, bringt es nichts sie auszufragen oder das Gespräch zu erzwingen - dann ist Geduld gefragt.

Medikamente stehen bei der Behandlung von Schulstress und psychosomatischen Reaktionen nicht im Mittelpunkt. Die Ursachenklärung und das Abstellen der krankmachenden Situation sind von entscheidender Bedeutung. Fischbach: "Im Ernstfall sollten Eltern bei schlechten Noten über ein Wiederholungsjahr oder den Wechsel der Schulform nachdenken. Kindern, die Mobbing-Opfer sind, ist manchmal nur mit einem Wechsel der Klasse oder der Schule zu helfen." Weiter rät der Experte Eltern betroffener Kinder sich mit Lehrern, Schulpsychologen oder Sozialarbeitern an der Schule über weitere Schritte zu beraten.

Anzeige