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Schulstress: Auch Eltern leiden unter dem Leistungsdruck

Leistungsdruck in der Schule
Schulstress bei Kindern: Auch Eltern leiden unter dem Leistungsdruck

Schulstress bei Kindern - Nachhilfe von Mama

Bis 13 Uhr Schule, nach Hause kommen, gemütlich Mittag essen, ein bisschen spielen, dann kurz Hausaufgaben machen, um für den Rest des Nachmittags mit Freunden draußen herum zu stromern – hört sich nach dem perfekten Kindertag an. Man sollte besser sagen: hörte sich. Denn die Zeiten, in denen Schüler unter der Woche noch genug Zeit für Freunde und Freizeit hatten, sind längst vorbei. Stattdessen regiert der Schulwahnsinn - und auch die Eltern sind gestresst. Das ergab jetzt eine Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Familienministeriums.

Von M. Wuttke

Liv geht in die sechste Klasse eines Gymnasiums. Wenn sie um drei Uhr nachmittags nach Hause kommt, nachdem sie von morgens um acht die ganze Zeit Unterricht hatte, isst sie schnell etwas, darf für eine Viertelstunde ein bisschen lesen und sich entspannen, aber keine Minute länger, weil sie noch Stoff für ein Referat ausarbeiten, Latein-Vokabeln üben und für die Englisch-Arbeit in drei Tagen lernen muss. Damit ist sie die nächsten ein bis zwei Stunden locker beschäftigt. Früher ist Liv um diese Zeit zum Tanzen gegangen, seit ihrem fünften Geburtstag hatte sie Unterricht. Doch dafür ist seit dem Wechsel aufs Gymnasium keine Zeit mehr, auch ihre Freundinnen sieht sie nur noch am Wochenende. Schließlich muss der Notenschnitt stimmen, gerade mit Blick aufs nächste Schuljahr. Sonst droht in der siebten Klasse die "Abschulung" – Liv müsste runter vom Gymnasium.

Liv ist das Kind einer Freundin, und ich leide jedes Mal mit, wenn sie mir erzählt, in welches Korsett das Mädchen mit gerade mal zwölf Jahren von Schule und Gesellschaft gepresst wird. Denn entweder spielt man das Spiel mit oder – raus bist Du! Dann heißt es: adieu, Abitur, adieu, Studienplatz, adieu, Karriere. Setzt man sein Kind dem Druck aus, bedeutet das aber auch: adieu, Kindheit!

Schulstress: Wie viel halten Kinder und Eltern noch aus?

Seit "G8", der verkürzte Weg zum Abitur an den Schulen regiert, stecken Eltern in der Zwickmühle und Kinder in der Tretmühle. Denn seitdem müssen Schüler denselben Stoff bewältigen, für den andere vor ihnen ein Jahr mehr Zeit hatten – entrümpelt wurden die Lehrpläne nämlich kaum. Um da mitzuhalten müssen alle ran, vor allem aber die Kinder und ihre Mütter. Denn in der Regel sind es die Mütter, die (wieder einmal und wie so oft) für ihre Kinder auf eigene berufliche Chancen verzichten, um nachmittags mit dem Nachwuchs Englisch-Grammatik und Geschichte zu pauken, damit der nicht den Anschluss verliert. Das ergab jetzt eine Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Familienministeriums, die die Folgen von "G8" auf die Familien und Kindheit untersuchte.

Freie Zeit, Zeit zum Nichtstun, Tagträumen oder für die Hobbys wird da zum Luxusgut. Statt Entspannung nach einem langen Schultag gibt es am Nachmittag Stress, Streit und Tränen. Denn bei so viel Druck liegen die Nerven von Kindern und Müttern schnell blank. Und der Druck beginnt nicht erst an der weiterführenden Schule, das geht schon in der Grundschule los. In Bayern etwa gilt das Jahr vor dem "Übertritt", also vor dem Wechsel auf Gymnasium etc. als die blanke Hölle.

Mittlerweile lassen Eltern sich dort schon vor der Einschulung Attests vom Kinderarzt ausstellen, damit sie ihr Kind ein zusätzliches Jahr zurück stellen können – um so zu verhindern, dass das Kind zu früh dem Stress ausgesetzt wird. Und das alles nur, weil sich Politik und Wirtschaft vor ein paar Jahren überlegt haben, dass deutsche Studenten viel zu alt sind, wenn sie die Uni verlassen. Die Wirtschaft braucht schließlich junge Menschen, um am Laufen zu bleiben.

Blödsinn! Deswegen haben die Kinder von heute zum Teil Wochenarbeitszeiten wie manch ein Manager. Vielen Dank auch. Will man als Mutter seinem Kind diesem Druck nicht aussetzen, muss man selbst viel davon abfangen bzw. aushalten. Das bedeutet nämlich, dass man sich vor sein Kind (und seine zwangsläufig auch mal schlechten Noten) stellt und sich nicht dem Wahnsinn anderer Eltern anschließt, die meinen, ihrem Kind die Zukunft zu vergeigen, wenn es keinen Schnitt von 2,0 hat.

Das bedeutet das Spiel um die Leistung nicht mit zu spielen, während alle anderen Sieger sein wollen. Das ist oft hart durchzuhalten, auch oder gerade fürs Kind. Denn schließlich hat es dank des Systems gelernt, sich früh mit anderen zu vergleichen. Wenn man dann noch ein verträumtes Kind zu Hause hat, einen Spätzünder, verliert man bei der Leistungsschau sowieso. Ich selbst versuche jeden Tag die Gratwanderung zwischen „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ zu schaffen. Oft gelingt das nicht, aber mein Sohn und ich werden besser. Und lesen lieber ein Buch.

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