Schulfach Kinderwunsch: Stoppt das den demografischen Wandel?

Aufklärung für höhere Geburtenrate
Reicht Aufklärung allein aus, um Geburtenrate zu steigern © picture alliance / Bildagentur-o, Bildagentur-online/Tetra-Images

Sinkende Geburtenrate eine "Volkskrankheit"?

Dänemarks Sexualkundeunterricht hat ein neues Lernziel: Babys bekommen. Natürlich sollen die Kinder und Jugendlichen nicht zu Teenager-Schwangerschaften animiert werden, aber sie sollen in dem Fach, das bisher den Schwerpunkt auf den Schutz vor ungewollten Schwangerschaften und Krankheiten legte, auch erfahren, wann der beste Zeitpunkt ist, Eltern zu werden. Dass auch diese Option zur Sexualität gehört, haben die Dänen nämlich offenbar vergessen. Die Geburtenrate sinkt kontinuierlich – in Medizinerkreisen wird das Problem bereits als "Volkskrankheit" bezeichnet. Als Therapie werden dem Nachwuchs nun ein paar Stunden im Fach 'Kinder machen' verordnet.

Von Ursula Willimsky

Eigentlich gar keine so schlechte Idee, Sexualität nicht nur mit dem Verhindern von etwas zu verknüpfen, sondern auch mit dem Wissen darum, wann der beste Moment ist, um mit dem Partner auch mal ergebnisorientiert aktiv zu werden. Bei dem Punkt hapert´s offenbar. Selbst Dänemarks größter Anbieter von Unterrichtsmaterial zum Thema Aufklärung ist der Meinung, dass die Jungen und Mädchen zu wenig über Fruchtbarkeit wissen: "Viele glauben, dass sie sofort schwanger werden, wenn sie die Pille absetzen." Das stimme aber nicht immer. Und bei Frauen Mitte 30 stimmt es noch weniger.

Das weibliche Ei hat ohnehin nur ein paar Tage im Monat die Chance, befruchtet zu werden. Mit zunehmenden Alter der Frau wird diese Chance immer geringer. Viel früher, als die meisten denken, nimmt die Fruchtbarkeit ab – mit 35 hat man nur noch halb so gute Chancen, schwanger zu werden, als mit 25. Zudem verringert sich auch die Qualität der Spermien, obwohl Männer theoretisch ihre Zeugungsfähigkeit nie verlieren. Paare, die ihren Kinderwunsch eigentlich nur aufschieben wollten, müssen immer häufiger die Hilfe der Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen. Der biologischen Uhr ist der Zeitgeist schnuppe - in Dänemark genauso wie in Deutschland. Und so schwebt über beiden Ländern der demografische Wandel mit all seinen gesellschaftlichen Problemen.

Um Mutter sein zu wollen, bedarf es mehr als Wissen

Vater Staat wünscht sich mehr Babys, und in Dänemark soll das Wissen dazu in der Schule gezeugt werden. Aber kann schulischer Aufklärungsunterricht tatsächlich Lust darauf machen, als erwachsene Frau Mutter zu werden? Sexualkunde – das war in unserer Erinnerung ja immer eine furchtbar peinliche Veranstaltung, mit viel Gekicher verbunden, bei der man auf gar keinen Fall irgendjemandem direkt in die Augen schauen wollte. Alternative B war der verknöcherte Biolehrer, der das Thema so lustlos abhakte, als ob´s um die Metamorphose-Stadien irgendwelcher Motten ging. Dennoch gilt Deutschlands Jugend heute als mustergültig aufgeklärt – die Zahl der Aids-Infektionen zum Beispiel bleibt konstant, die Zahl der Teenager-Schwangerschaften hält sich in Grenzen: Bei 9 von 1.000 Geburten ist die Mutter unter 20 – in den USA sind es 39, in Großbritannien 25.

Dazu beigetragen hat wahrscheinlich auch der Aufklärungsunterricht, der in manchen Spielarten den Eltern heutzutage bereits wieder zu weit geht: Sie fürchten eine Über-Sexualisierung der Kinder.

Dennoch: Im Unterricht erfahren die Kinder bestenfalls, dass Sex Spaß machen soll, aber die Befindlichkeit des Partners nicht verletzen darf. Sie bekommen Tipps, wie sie verhüten und sich vor Krankheiten schützen. Und nun sollen sie im nördlichen Nachbarland auch lernen, wie es um ihre Fruchtbarkeit steht. Zur Erinnerung kramen wir mal das alte Bio-Heft raus: Der Gebärmutterschleim verändert sich, die Körpertemperatur steigt leicht – und etwa jede fünfte Frau spürt durch ein Ziehen im Unterleib recht konkret, wann ihr Eisprung stattfindet. Um dieses Zeitfenster herum ist sie empfängnisbereit und kann – wenn alles klappt - schwanger werden.

Soweit die Theorie. Es bleibt die Frage, ob dieses Wissen genügt, um für sich persönlich Gründe zu finden, dieses Zeitfenster auch zu nützen? Sprich: auch zu lernen, was am Mutter-Sein attraktiv ist? Braucht es dafür nicht noch ein bisschen mehr Anreiz von außen? Vorbilder, gesellschaftliche Veränderungen, bessere Rahmenbedingungen?

Vielleicht will der dänische Aufklärungsunterricht das aber gar nicht leisten. Vielleicht will er nur im Sinne von "nicht für die Schule, für das Leben lernen wir" darauf hinweisen, dass es für alles den richtigen Zeitpunkt gibt. Und es für manche Lebenswünsche wie ein Baby eben auch einen natürlichen Schlusspunkt gibt. Ein Aspekt, den man in seiner Lebensplanung durchaus auch berücksichtigen sollte.

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