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Schule ohne Noten: Wie sinnvoll ist der Verzicht auf die Benotung?

So könnten Schulzeugnisse zukünftig aussehen
So könnten Schulzeugnisse zukünftig aussehen Beurteilung statt Noten 00:02:19
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An Schulen ohne Noten gibt es Berichte statt Zahlen

Die Grundschulen in Niedersachsen können ab sofort auf Zeugnis-Noten verzichten. Bis zum Wechsel der Schulform darf es nun sogenannte Berichtszeugnisse geben. Was hat das für Vorteile?

Schulen ohne Noten sind in einigen Bundesländern schon Realität.
In mehreren Bundesländern gibt es schon Schulen ohne Noten: Dorrt sehen die Zeugnisse nicht mehr aus wie vorher. © dpa, Sebastian Gollnow

Von Jutta Rogge-Strang

Seit Jahren befassen sich Pädagogen damit, die negativen Auswirkungen von schlechten Schulnoten zu verhindern. Schlechte Schulnoten bewirken schon bei ganz jungen Schülern, dass der Spaß am Lernen verloren geht. Der Schulbesuch ist geprägt von Stress und Angst, Streit in den Familien, negativen Fremd- und Selbsteinschätzungen. Eine Alternative bilden die Berichtszeugnisse, denn da werden nicht nur Lern-Ergebnisse, sondern auch Lern-Prozesse und Lern-Entwicklung aufgezeigt. Die Schüler werden ganzheitlich bewertet und es fließen positive Fähigkeiten in die Bewertung mit ein.

Gegner der Berichtszeugnisse verweisen darauf, dass eine Vergleichbarkeit der Schüler anhand von kurzen knappen Noten möglich sein muss. Aber Noten geben keine Hinweise darauf, wie eine Leistung zustande gekommen ist und bieten somit auch keinen Ansatzpunkt zur Verbesserung. Studien zeigen sogar Unterschiede in der Zensurengebung zwischen Fächern, Schultypen und Klassenstufen, Mädchen und Jungen. Zudem bewerten verschiedene Lehrkräfte die selbe Arbeit unter Umständen unterschiedlich. Trotzdem wird es auf der weiterführenden Schule weiterhin Noten geben. Aber in der Grundschule ist es wichtig, die Schüler (und ihre Eltern) zu motivieren und Schulstress abzubauen.

Leider sind aber auch Berichtszeugnisse nicht frei von Fehlerquellen: Die Beurteilungen müssen interpretiert werden und die Qualität der Beurteilungen hängt von den diagnostischen und sprachlichen Fähigkeiten der Lehrer ab. Die sprachlichen Leistungsbeurteilungen bedeuten für die Lehrer zudem einen erheblich höheren Aufwand. Für eine einzige Beurteilung fallen so mehrere Arbeitsstunden an. Denn erst nach der Diagnose, die aus Gelegenheits- und geplanten Beobachtungen besteht, Analyse von Elterngesprächen und sämtlicher Arbeitsproben der Kinder (Tests, Wochenpläne, Referate, freiwillige Zusatzaufgaben, Schulhefte und Ordner) entsteht der Text für das Schulzeugnis.

Wie interpretiert man ein Berichtszeugnis?

Viele Schulen nutzen für ein Berichtszeugnis ein Zeugnisprogramm. Darin finden die Lehrer Formulierungshilfen zu den jeweiligen Lernbereichen in den einzelnen Klassenstufen. Eltern und Schüler müssen den Text dann 'nur noch deuten'. Im Internet finden sich viele Seiten, die ein Berichtszeugnis in den einzelnen Abstufungen erläutern.

Vorsicht ist geboten, wenn es zum Beispiel heißt:

- er/ sie ist nicht bereit, sich anzustrengen.

- er/sie hatte sehr große Probleme, neue Sachverhalte zu erfassen und Gelerntes länger zu behalten.

Positiv wäre zum Beispiel:

- er/ sie zeigte, dass er/sie Konsequenzen von Entscheidungen beurteilen kann.

- er/ sie arbeitet sich selbständig in Inhalte ein, die über den Unterrichtsstoff weit hinausgehen.

- er/ sie erledigte dort die ihr aufgetragenen Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit.

Zwischen 'sehr gut' und 'sehr schlecht' gibt es die unterschiedlichsten Abstufungen. Wer also unsicher ist, wie das Zeugnis des Kindes interpretiert werden muss, sollte am besten mit dem Lehrer eine Sprechstunde vereinbaren. Wie auch immer das Ergebnis dann ausfällt: Denken Sie als Eltern daran, Ihr Kind niemals nach seinen Schulzeugnissen zu bewerten. Denn Grundvoraussetzung für Lernerfolg sind Spaß am Lernen und ein positives Selbstwertgefühl - ob mit Schulnoten oder Berichtszeugnissen.

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