Schule der Zukunft: Erfahrung ist wichtiger als Wissen

Wie sieht die Schule der Zukunft aus?

Gibt es eine Schule, in der Schülerinnen und Schüler gerne lernen? Kaum vorstellbar in heutiger Zeit, aber laut Hirnforscher Gerald Hüther das Modell der Zukunft. Was muss sich an den Schulen ändern, damit sie wieder attraktiv werden?

Von Jutta Rogge-Strang

Seit über 100 Jahren streiten sich die Geister, wie Schüler am besten lernen. Dabei setzt die Regelschule auf Leistungskontrollen, Belohnungs- und Bestrafungssysteme, die Reformpädagogik auf den inneren Entwicklungsplan des Kindes. Laut Hirnforscher Gerald Hüther brauchen Kinder und Jugendliche künftig vor allem eins: Eigensinn, Kreativität, Querdenkertum und soziale Kompetenz. Denn das seien Fähigkeiten, auf die es künftig in viel stärkerem Maß ankommt als im vorigen Jahrhundert.

Kinder besitzen eine angeborene Lust am Lernen, und die gilt es zu erhalten. Damit sich aber Wissen und Erfahrungen im Hirn verankern können, müssen emotionale Zentren im Gehirn aktiviert werden, damit es zur Freisetzung von neuroplastischen Botenstoffen kommt. Nur dann bleibt das Erlernte auch wirklich im Gedächtnis haften. Durch bloßes Auswendiglernen und Pflichterfüllen wird dieser Lernprozess nicht angeregt: Wer zum Beispiel einmal das Fahrradfahren gelernt hat, vergisst das nie wieder. Aber nur ein bis zwei Jahre nach dem Abitur erinnern sich die ehemaligen Schüler nur noch an zehn Prozent des Schulstoffes, erklärt Gerald Hüther in einem Interview.

Schüler müssen sich untereinander austauschen

Hüther schreibt den Pädagogen nicht vor, wie die Schule der Zukunft auszusehen hat. Aber er gibt wichtige Hinweise. Man sollte Kindern etwas zutrauen und ihnen Aufgaben geben, und das am besten in einer altersgemischten, völlig unterschiedlichen Gruppe. Denn Wissen erlernt sich am besten im Austausch mit den Erfahrungen anderer Menschen. Das bedeutet praktisch, nicht nur Theorie im Kopf anzuhäufen, sondern den Schülern einen Austausch untereinander möglich zu machen.

Dabei sind gerade altersgemischte Gruppen nicht auf Konkurrenz ausgelegt, sondern eher geprägt von sozialer Kompetenz, und die hat mit Mitgefühl und Einfühlungsvermögen zu tun. In homogenen Klassen werden Kinder auf Konkurrenz jedoch förmlich gedrillt: Sich selbst mit den Ellenbogen durchzusetzen, ist laut Hüther aber kein wünschenswertes Modell für das 21. Jahrhundert, denn letztlich würde die Stabilität der Gesellschaft dadurch bedroht.

In Deutschland haben bereits einige Schulen versucht, mit einem alternativen Konzept auf die Erkenntnisse zu reagieren. Bildungspolitisch sind diese Schulen den Regelschulen voraus - sei es beim längeren gemeinsamen Lernen, bei der Integration behinderter Kinder oder beim jahrgangsgemischten Unterricht. Für Kinder ist es ein Glück, wenn sie ohne Angst lernen dürfen, wenn Lehrer sie begleiten und nicht bewerten, wenn Schulen Gestaltungsräume bieten und Freiräume lassen. Davon sind die deutschen Regelschulen mit ihrem Frontalunterricht allerdings noch weit entfernt. Dabei ist das Lernen aus den Erfahrungen anderer das erfolgreichste Lernmodell der Evolution.

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