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Schütteltrauma: Überforderte Eltern sind gefährlich für ihre Kinder

Schütteltrauma: Überforderte Eltern sind gefährlich für ihre Kinder
© picture alliance, CHROMORANGE / Yuri Arcurs

"Hilfe vor der Krise ist die beste Hilfe"

Das Baby schreit und lässt sich nicht beruhigen. Herumtragen, Windeln wechseln, Füttern – nichts hilft. In dieser Situation verwandelt sich die Erschöpfung mancher Eltern in unkontrollierbare Wut. Sie schütteln ihr Baby, um es endlich zu beruhigen. Mit dramatischen Folgen: Jedes Jahr sterben allein in Deutschland 100 bis 200 Babys an den Folgen eines Schütteltraumas, hunderte andere, die das Schütteln überleben, leiden teilweise lebenslang an schwerwiegenden Schädigungen des Gehirns. Vielen Eltern, so warnt die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie, ist nicht bewusst, in welche Gefahr sie ihr Kind bringen, wenn sie es schütteln. Doch was kann ich als Mutter tun, um mich und mein Baby zu schützen, damit ich erst gar nicht in eine Situation komme, in der ich meine Reaktionen vielleicht nicht mehr im Griff habe? Wir haben Cordula Lasner-Tietze - Fachreferentin für Gewaltprävention beim Kinderschutzbund – um Entlastungs-Strategien für Mütter gebeten.

Von Ursula Willimsky

Das unstillbare Schreien eines Babys bringt viele Eltern an den Rand. Einige finden – scheinbar gefangen in ihrer Situation - keine Alternative und schütteln ihr Baby. Da die Muskeln von Säuglingen und Kleinkindern noch nicht stark genug sind, um den relativ großen und schweren Kopf zu halten, pendelt er ungebremst hin und her. Das zarte, lose gelagerte Hirn prallt dabei von innen gegen die Schädelwand. "Es kommt zu massiven Hirngewebsverletzungen und Einblutungen, die das Gehirn dauerhaft schädigen oder auch zum Tod führen können", sagt Professor Dr. med. Guido Fitze, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Dresden. Schwerste bleibende geistige und körperliche Behinderungen können die Folge sein.

"Vorbeugung spielt hier deshalb eine besonders große Rolle", betont der das DGKCH-Vorstandsmitglied. Forscher hätten einen Zusammenhang gefunden zwischen schweren Kopfverletzungen im Kleinkindalter und schlechteren Leistungen in der Grundschule: "Eltern sollten möglichst schon vor der Geburt auf die Gefahren des Schüttelns, aber auch auf die Hilfsangebote bei Schreikindern hingewiesen werden."

"Jede Hilfe, die vor einer Krise stattfindet, ist die beste Hilfe", sagt dazu die Präventionsexpertin Lasner-Tietze. Dabei geht es nicht nur um das sogenannte Schütteltrauma, sondern generell um Hilfestellungen, die Mütter entlasten können. Die sie vielleicht auch davor schützen können, ihrem Kind in irgendeiner Form Gewalt anzutun. In Kliniken werden nach der Geburt an Mütter Willkommenspakete verteilt, in denen unter anderem Informationen und Kontaktdaten für Ansprechpartner gesammelt sind. Wer will, kann auch um einen Willkommensbesuch bitten – dann besucht ein Vertreter des Jugendamtes oder eines freien Trägers die Familie. "Nicht um zu kontrollieren", betont Lasner-Tietze, "sondern um zu informieren, sich auszutauschen und zu sprechen."

Familienhebammen können helfen

Der Erfahrung von Frau Lasner-Tietze nach, sollten Eltern am besten schon vor der Geburt wissen, an wen sie sich im Fall der Fälle wenden können. Wenn nach der ersten Euphorie das Baby-Glück einem Gefühl der Überforderung zu weichen droht, seien Eltern- und Erziehungsberatungsstellen gute Anlaufstellen. Sie könnten zum Beispiel beratend zur Seite stehen, wenn Mütter selbst eine problematische Kindheit hatten: "Diese Frauen spüren ganz genau, was ihnen als Kind nicht gut tat. Aber oft sind sie unsicher, wie sie selbst es besser machen können. In den Beratungsstellen haben sie die Möglichkeit, zusammen mit Experten herauszufinden, welche Erziehungs- und Alltagsstrategien am besten zu ihnen und ihrem Kind passen."

Eine weitere Alternative seien Familienhebammen. Diese Expertinnen mit Zusatzausbildung unterstützen Mütter und Familien, die sich in besonderen oder schwierigen Lebenssituationen befinden. "Vielleicht", so der Deutsche Hebammenverband, "sind Sie mit der neuen Familiensituation nicht so uneingeschränkt glücklich, wie Sie es sich gewünscht haben. Wenn Ihr Kind zu früh geboren ist, behindert oder verstorben ist, könnte die Hilfe einer Familienhebamme für Sie infrage kommen. Auch wenn Sie selber schwer oder chronisch krank sind, kann eine Familienhebamme Sie unterstützen. Es können Konflikte mit dem Partner/der Partnerin sein, die so schwerwiegend sind, dass sie die Versorgung des Kindes oder Sie selber beeinträchtigen. Alte oder neue Probleme mit Gewalterfahrungen oder mit Drogen könnten ein Grund sein, die Hilfe einer Familienhebamme in Anspruch nehmen zu wollen. Ebenso ernsthafte Schwierigkeiten, für den eigenen Unterhalt oder den des Kindes/der Kinder zu sorgen."

Die Familienhebammen kommen regelmäßig zu den Müttern oder Familien, bis das Kind ein Jahr alt ist (normalerweise enden die Besuche nach der achten Lebenswoche des Babys). In der Regel brauchen die Mütter sich um die Bezahlung nicht zu kümmern. Auch der Arzt oder die Ärztin kann ins Vertrauen gezogen werden – auch sie kennen viele Kontaktadressen für Hilfsangebote und können zum Beispiel helfen, wenn eine Mutter-Kind-Kur beantragt werden soll.

Wer 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr für ein Baby zu sorgen hat, kann jede Unterstützung brauchen. Das fängt schon in der eigenen Familie an. Lasner-Tietze rät dazu, über den Bedürfnissen des Kindes die eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen: "Mütter sollten versuchen, sich Entlastung von außen zu holen. Allein eine zusätzliche Stunde Schlaf kann sehr helfen."

Genauso wie Gespräche: Um der Einsamkeitsfalle zu entgehen sollte man auf Angebote in Familienzentren oder ähnlichem achten und / oder sich einer regelmäßigen Müttergruppe anschließen: "Hier kann man über sein Mutterglück sprechen, aber auch über seine Nöte. In akuten Fällen kann auch eine Telefonberatung wie das Elterntelefon helfen. Auch da sitzen mitfühlende Menschen, die wissen, was Elternsein bedeutet." Oft genüge die Möglichkeit, über seine Probleme zu sprechen, um den Druck zu mildern. Und wenn es den Eltern gut geht, entspanne das oft auch die Kinder.

Sätze wie "Mir geht es nicht gut, ich kann nicht mehr, ich brauche Hilfe" können ein Ventil öffnen, das den Druck von der Mutter nimmt, der sie ansonsten vielleicht in eine scheinbar ausweglose Situation bringen könnte. Ein erster Schritt, der die Tür öffnen kann zu einem Netzwerk aus Unterstützungsmöglichkeiten. Damit Mama und Baby sich wieder wohlfühlen.

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