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Schreibabys: Wenn Babys mehr schreien als schlafen

Eltern von Schreibabys brauchen starke Nerven
Eltern von Schreibabys brauchen starke Nerven © dpa, Z1021 Peter Endig

Eltern von Schreibabys brauchen starke Nerven

Psst, nicht so laut, das Kind schläft! Also bitte nicht räuspern, anrufen oder es etwa wagen, von der Küche ins Wohnzimmer über den Dielenboden zu gehen. Ein Knarzer und das Drama geht los: beständiges, lautes, nicht abzustellendes Schreien. Schreibabys sind eben hypersensibel, was Geräusche angeht. Und damit deren gestresste Eltern nicht hysterisch vor lauter Schlafentzug werden, sollte man ihnen jeden Moment Ruhe gönnen...

Von Merle Wuttke

Sonst drehen sie noch fast durch. So wie Livia und Marco, das Paar aus dem Kinofilm "Nachtlärm", der heute in den Kinos startet. Darin geht es um ein Elternpaar, dessen Sohn ein Schreibaby ist und immer und überall - genau - schreit. Weshalb seine Eltern sich flüsternd streiten, durch die Wohnung schleichen und sich mitten in der Nacht mit dem Kind ins Auto setzen, damit es bei Tempo 130 auf der Autobahn endlich Ruhe gibt. Gestresst und überfordert durch das ständige Schreien ihres Kindes zweifeln die beiden an ihrer Beziehung, an ihrer Familie, an sich selbst.

Das Leben mit Kind könnte so schön sein - ja, könnte. Wäre da nicht... Was hilft, außer Autofahren? Sich zusammen reißen. Andauernd. Oder ab und an aus dem Zimmer gehen und ruhig bis zehn zählen. Mit Kopfhörern und Kinderwagen spazieren gehen. Das Kind ins Tragetuch nehmen. Die Oma oder Freundinnen mit dem Baby losschicken und in die Badewanne abtauchen. Durchhalten.

Schreibabys müssen sich ans Leben gewöhnen

Denn was der Film als Grundlage für den Handlungsstrang einer Krimikomödie nutzt, ist leider im wahren Leben alles andere als lustig: Ein echtes Schreibaby ist die Hölle. Und ziemlich normal. Die Natur hat es nämlich so eingerichtet, dass Babys quasi "unreif" zur Welt kommen - sonst wären sie zu groß, um geboren zu werden. Das heißt aber auch, dass ihr vegetatives Nervensystem und ihre Körperfunktionen (wie etwa der Darm) sich erst einmal an das Leben "draußen" anpassen müssen. Und das ist anstrengend, macht müde und überreizt. Dazu kommen all die fremden Gesichter, an die man sich als Baby plötzlich gewöhnen muss, nachdem man seine gemütliche Höhle verlassen hat. Ziemlich viel Holz, das sich da vor dem Haus stapelt. Und weil das alles so neu und aufregend ist, schreien Babys eben - bis zu einer Stunde am Tag. Wer einmal zehn Minuten mit einem kreischenden, nicht zu beruhigenden Baby verbracht hat, der weiß - eine Stunde kann ziemlich lang sein. Glücklicherweise ist nach den ersten drei Monaten diese erste große Anpassungsstörung meist überstanden.

Nicht so bei Schreibabys, zu denen man bis zu einem Drittel aller Säuglinge rechnet. Bei ihnen kann es bis zum achten Lebensmonat dauern, bis sie endlich beruhigt durchs Leben gehen. Für sie ist einfach alles zu viel: Die Sirene vom Notarztwagen, das Piepen an der Kasse, ein bellender Hund. Geräusche bei denen andere Babys kurz aufmerken, werfen diese Kinder aus der Bahn, weil sie es nicht schaffen, sich selbst zu regulieren. Experten sehen die Ursache für dieses exzessives Schreien außerdem auch in einer nicht gut funktionierenden Eltern-Kind-Kommunikation. Sprich, manche Eltern von Schreibabys "verstehen" ihr Kind einfach falsch. Deshalb versucht man in "Schreiambulanzen", etwa in Kliniken, durch Gespräche oder Verhaltensprotokolle über Schrei- und Schlafzeiten, den Eltern Hilfestellung zu geben, wie sie am besten mit dem Kind umgehen sollten.

Denn fast nichts auf der Welt erfordert mehr Geduld und Disziplin als ein ständig heulendes Baby. Der Schlafmangel und die eigene Überreizung bringen einen selbst an den Rand des Wahnsinns. Deswegen hat auch jede Mutter und jeder Vater eines Schreibabys, die bzw. der es schafft, tagein und tagaus über Monate ruhig und freundlich zu ihrem Kind zu bleiben, eine extra Portion Glück verdient - und endlich ein ruhiges Baby.

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