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Schreibaby: Hinter Volksweisheit steckt schwarze Pädagogik aus der Nazi-Zeit

Schreibaby: Hinter Volksweisheit steckt schwarze Pädagogik aus der Nazi-Zeit
Was tun bei einem Schreibaby? Liebe statt Nazi-Pädagogik © picture alliance, CHROMORANGE / Yuri Arcurs

Tipps für Schreibabys sind Volksweisheiten aus der Nazi-Zeit

Wer es noch nie mit einem schreienden Baby zu tun hatte, weiß nicht, wovon ich rede: Die Verzweiflung, wenn wirklich alle Versuche nichts nützen, das Kind zu beruhigen. Wenn das Baby Stunde um Stunde auch nachts weiter schreit und seine Eltern an den Rand des Wahnsinns treibt - und darüber hinaus. Kein Wunder, wenn sich Mütter, die sich keinen Rat mehr wissen, an gute alte Volksweisheiten erinnern: Es ist nicht schlimm, wenn das Kind schreit, das kräftigt die Lungen. Was kaum jemand weiß: Hinter diesem Tipp versteckt sich die schwarze Pädagogik aus der Nazi-Zeit.

Von Jutta Rogge-Strang

Schwarze Pädagogik ist ein Sammelbegriff für Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung als Erziehungsmittel predigen. Natürlich kommt das aus früheren Zeiten und gelangte in der Nazi-Zeit zu einiger Blüte: Von Abhärtung ist da die Rede, von Gehorsam und Drill. "Das Buch von Johanna Haarer 'Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind' wurde von den Nazis jeder Mutter als Erziehungsratgeber an die Hand gegeben", so Karl Heinz Brisch, Chef der Psychosomatik am Haunerschen Kinderspital in München zur 'SZ'. Haarer war Lungenfachärztin und Mitglied der NSDAP, ihr Erziehungsideal war geprägt von Zucht, Unterwerfung, Reinlichkeit und Kinder- und Frauenfeindlichkeit.

Haarer, die übrigens keine pädagogische Ausbildung hatte, war der Meinung, dass ein gesundes Baby, das frisch gewickelt und gefüttert wurde, problemlos die ganze Nacht allein gelassen werden kann. Wenn es dann noch schreit, sei das gut für die Lunge. Auf keinen Fall dürften die Eltern noch einmal das Zimmer betreten und das Baby trösten: Denn das Kind sei ein Tyrann, den es zu bändigen gilt – und zwar schon als Säugling! Das bedeutet: Schreien lassen, nicht auf den Arm nehmen, nicht zu viel Aufmerksamkeit und Nähe aufkommen lassen.

Das erste Lebensjahr ist entscheidend für das Urvertrauen des Babys

Die heutige Pädagogik sieht die Eltern-Kind-Bindung etwas anders: Gerade in den ersten Lebensjahren entwickelt ein Baby das sogenannte Urvertrauen, das darüber bestimmt, ob es der Welt und den Menschen tendenziell vertraut oder nicht. Das entscheidet auch über Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Liebesfähigkeit. Diese emotionale Sicherheit ist die Basis dafür, ob wir ein glückliches Leben führen oder eben nicht.

Und wer, wenn nicht die eigenen Eltern, ist in den ersten Lebensjahren entscheidend für eine liebevolle und verlässliche Zuwendung zuständig? Wir alle wissen aus den Medienberichten gerade in letzter Zeit, was Lieblosigkeit, Vernachlässigung oder Misshandlung anrichten können. Da wollen wir doch nicht bei der "Babyerziehung" anfangen.

Wenn man einmal darüber nachdenkt, dass Kinder erst ab ungefähr zwölf Monaten anfangen zu laufen und zu sprechen, muss man sich darüber klar sein, dass sie vorher absolut keine Möglichkeiten haben, sich zu äußern, außer durch Schreien. Meine Nachbarin hatte auch ein Schreibaby und fragte mich verzweifelt um Rat. Der gute Tipp: Es geht irgendwann vorbei. Der schlechte: Da musst du durch. Zwar kann man versuchen, durch Ernährungsumstellung gegen Koliken vorzugehen, gemütliche warme Bäder und Kuschelzeiten einzubauen, eine ruhige Umgebung zu schaffen. Aber auch das muss nicht helfen.

Das Problem mit den Schreibabys ist nicht neu und nicht selten: Fachleute gehen von etwa 20 Prozent aus. Je mehr die Babys schreien, umso nervöser werden die Mütter und die Babys schreien noch mehr. Holen Sie sich besser professionelle Hilfe, zum Beispiel in einer Schrei-Ambulanz. Dort werden Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs beraten und dort erfahren sie auch, dass sie absolut keine schlechten Mütter sind. Und das ist ganz wichtig für das angespannte Nervensystem einer jungen Mami.

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