Schönheit und Erfolg: Haben es weniger attraktive Frauen schwerer?

Wie nah liegen Schönheit und Erfolg zusammen?

Natürlich hat er das alles gar nicht so gemeint. "Ich frage mich, ob ihr Vater ihr mit 12,13,14 Jahren gesagt hat: du wirst nie gut aussehen,… also musst du das ausgleichen. … Du musst der ausgefuchsteste, zielstrebigste Kämpfer werden, der je auf einem Tennisplatz gesehen wurde, um es zu schaffen. Und sie hat es geschafft." Als der BBC-Reporter diesen bitteren Satz über die Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli sagte, meinte er – so seine Entschuldigung – nämlich in Wahrheit: "Marion Bartoli ist ein fantastisches Vorbild für Leute, die nicht mit den Attributen eines Athleten geboren werden". Sie zeige, wie "innere Haltung, Wille und Durchhaltevermögen Dich an die Spitze führen können." Letzeres können wir unterschreiben. Die erste Version – no. Bartoli quasi einen kleinen Napoleon-Komplex zu unterstellen, ist schon gewagt. Sie spielt eben phantastisch Tennis, vermutlich, weil sie nicht nur die Begabung dafür hat, sondern auch weil sie sehr, sehr viel für ihren Erfolg trainiert hat. Ob sie damit etwas - vor allem: was? – kompensiert, sei dahin gestellt. Denn dann müsste ja quasi jeder, der Erfolg hat, irgendein vermeintliches oder tatsächliches Defizit haben, das es auszugleichen gilt.

Von Ursula Willimsky

Die Sache ist aber vermutlich nicht so einfach. Wenn nicht sogar noch viel ungerechter. Denn aus diversesten Studien, die wir kurz gecheckt haben, ergibt sich ein ganz anderes Bild aus der Welt der Erfolgreichen: Dort tummeln sich nämlich angeblich nicht lauter kleine Napoleons und Napoleoninnen, sondern die Schönen. Kleine Zusammenfassung gefällig? Et voila: Menschen, die sich optisch gesehen im oberen Drittel befinden, verdienen zehn Prozent mehr als der klägliche Rest (University of Texas). Attraktive Frauen und Männer sind signifikant weniger arbeitslos, und außerdem verdienen sie mehr (Universität Lüneburg). Gutes Aussehen steigert den wirtschaftlichen Erfolg (Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit). Kein anderer Erfolgsfaktor ist in den vergangenen 30 Jahren in so einem Maße wichtig geworden wie die äußere Erscheinung (Deutsche Langzeitstudie). Bewerber mit Glatze oder Halbglatze werden seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen (Universität Saarland).

Experten: Erfolg der Schönen durch besseres Selbstvertrauen

Nur in einigen wenigen Punkten scheinen die Schönen weniger Chancen zu haben: Als Verkäuferin zum Beispiel. Besonders hübsches Verkaufspersonal verschreckt nämlich ab und an die zahlende Kundschaft, vermutlich, so die Wissenschaftler, weil gerade die jüngeren Frauen nicht von jemandem bedient werden wollen, dem sie sich unterlegen fühlen (University of South Australia). Ansonsten scheinen die weniger attraktiven Frauen es tatsächlich ein bisschen schwerer im Leben zu haben, wenn schon beim Vorstellungsgespräch die Schönen bevorzugt werden.

Weshalb ja angeblich Bewerbungsschreiben ohne Bewerbungsfotos im Vormarsch sind, um solchen Ungerechtigkeiten vorbeugen zu können. Gegen die man vermutlich ohnehin kaum etwas unternehmen kann. Denn wer klagt schon gegen einen potenziellen Arbeitgeber, der ihn dann eben doch nicht genommen hat, mit der Begründung: "Der hat mich bestimmt nur abgelehnt, weil ich eine schiefe Nase habe?"

Als möglichen Grund für den Erfolg der "Schönen" sehen Experten ihr größeres Selbstvertrauen. Schließlich sei man ihnen von Kindesbeinen an mit Begeisterung und Zuneigung begegnet. Grob gesagt: So etwas prägt, weshalb diese Menschen oft erfolgreich mit dem Stempel "Gut und Schön" durchs Leben laufen. Und tatsächlich ja auch gute Leistungen bringen. Wie ungerecht! Das Klischee vom schönen Dummchen scheint also oft wirklich nur ein Klischee zu sein (das, das unterstellen wir jetzt mal, von cleveren Frauen hin und wieder recht erfolgreich benutzt wird, um Karriere zu machen).

Aber was heißt das jetzt im Umkehrschluss? Müssen die von der Natur weniger bedachten mehr und härter an sich arbeiten, um dieselben Ziele zu erreichen wie die "Schönen"? Oder liegt hier einfach ein ganz großes Missverständnis vor, indem zwei grundverschiedene Dinge in einen Topf geworfen werden – nämlich Schönheit und Attraktivität? Attraktiv kann schließlich jede sein, das hat ja nicht zwingend etwas mit dem persönlichen Beauty-Quotienten zu tun. Sondern mit Dingen wie Ausstrahlung, Selbstvertrauen und innerer Haltung. Oder, um es mit Bartoli zu sagen: "Ich bin nicht blond. Das ist eine Tatsache. Aber habe ich davon geträumt, einen Modelvertrag zu kriegen? Nein. Habe ich davon geträumt, Wimbledon zu gewinnen? Absolut, ja!" Wie schön.

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