Schöne Kratzbürste - Nina Hoss in 'Barbara'

06.03.12 13:51
 

5 von 5 Punkten

Der Kritikerliebling der diesjährigen Berlinale: Christian Petzold ('Yella') inszeniert ein weiteres Mal seine Muse Nina Hoss als Frau mit Abgründen. Diesmal spielt sie eine Ärztin, die im Spitzelstaat DDR Probleme mit den Obrigkeiten hat – und mit der Liebe.

Ehe sie zu früh kommt, raucht sie vor der Tür lieber noch eine. Wenn ein Kollege sie mit dem Auto heimbringen will, wartet sie lieber auf den Bus. Barbara ist misstrauisch. Denn Barbara ist gerade von der renommierten Charité strafversetzt worden in ein Provinz-Hospital, soll resozialisiert werden, nachdem sie einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Wem kann sie in dem piefigen DDR-Dorf schon trauen? Der Hausmeisterin, die so offen spioniert, dass man schwer Nichtbemerken heucheln kann? Nicht einen Meter weit. Dem Stasi-Offizier, dessen blaues Auto überall zu sein scheint, sowieso nicht. Aber was ist mit dem neuen Kollegen im Krankenhaus (Ronald Zehrfeld, '12 Meter ohne Kopf'), der so offensiv Nähe sucht? Schreibt er auch nach jedem Kontakt einen Bericht, oder will er sich wirklich an Barbara heranmachen? Dabei plant die doch schon rüber zu machen zu ihrem Wessi-Geliebten (Mark Waschke, 'Buddenbrooks'). Doch ist der Westen wirklich was für sie?

Feinfühliges Drama ohne Ostalgie

Es ist großartig, wie Nina Hoss die Verletzlichkeit ihrer Figur unter ihrer kratzbürstigen Feindseligkeit durchscheinen lässt, wie Christian Petzold die Atmosphäre des Misstrauens und Verdachts schürt. Wer Deutschland nicht mehr als geteilte Nation erlebt hat, kann sich das alles vermutlich gar nicht vorstellen – oder erwartet Schwarz-Weiß-Malerei oder launige Ostalgie wie in 'Good Bye Lenin'.

Christian Petzold geht es nicht um historische Genauigkeit. In seiner Krankenanstalt hängen keine Honecker-Porträts, und doch sind seine Settings liebevoll ausgestattet. Aber alles ist zeitlos, das Dorf könnte jedes an der Ostseeküste sein, und doch sind alle Protagonisten Individuen und keine politischen Programmträger. Prompt tönte ein US-Kritiker nach der Festivalvorführung empört durch den Berlinale-Palast: 'Who's gonna believe that? Such bad filmmaking!' Wer das nicht braucht, um sich mit dem Schicksal einer engagierten und emanzipierten Ärztin in einem totalitären System auseinanderzusetzen, eine subtile Inszenierung und feinfühliges Schauspiel schätzt, wird, anders als dieser US-Bürger, begeistert sein von ‚Barbara‘ – so wie viele Kritiker und Zuschauer und die Berlinale-Jury, die Petzold zu Recht den silbernen Bären für die beste Regie verlieh.

Von Mireilla Zirpins

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