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Schluss mit Förderwahn und Überbehütung: Erziehungs-Expertin macht Mut zu mehr Intuition

Erziehungswissenschaftlerin Margit Stamm rät Eltern, in der Erziehung gelassener zu sein.
Wenn wir Eltern einfach gelassener in der Erziehung sein würden, wäre so mancher Konflikt sinnlos.

Mamas, entspannt Euch!

„Warum Eltern durch Förderwahn und Überbehütung leiden“ - das ist der schöne Untertitel eines neuen Buches. Ja, denkt man reflexartig, stimmt. Es gibt ja nicht nur die Kinder und daneben das Berufsleben, die gemanagt werden wollen. Es gibt tatsächlich auch die Eltern, die mitunter an all den Ansprüchen, die Gesellschaft und auch sie selbst an sich stellen, ganz schön zu knabbern haben. Weshalb also nicht auch mal ein Buch zu Rate ziehen, das sich damit beschäftigt, wie man Druck von den Eltern nehmen kann, anstatt den Fokus darauf zu legen, was am Kind auf welche Weise noch optimiert und verbessert werden könnte?

Von Ursula Willimsky

Die renommierte Erziehungswissenschaftlerin Margit Stamm zielt mit "Lasst die Kinder los. Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht" in diese Richtung. Eine ihrer Hauptthesen: Erfolg und Versagen von Kindern wird immer mehr den Müttern und Väter zugeschrieben. Und das macht den Eltern das Leben schwer. Wer nicht bedingungslos alles für die lieben Kleinen tut, fühlt sich schnell als Rabenmutter - obwohl sie noch weit von dem Punkt entfernt ist, an dem Vernachlässigung beginnt.

Das ist nervig, stressig und tut - so sieht es Stamm - auch den Kindern überhaupt nicht gut. Aus dieser auf Perfektion getrimmten Erziehung kommen häufig Kinder heraus, die kein 'Nein' ertragen können. Die nie gelernt haben, sich mutig Herausforderungen zu stellen und manchmal auch mit einer blutigen Schramme nach Hause zu kommen. Denen von Mama und Papa alles abgenommen wird, mit der Konsequenz, dass sie kaum eine Chance haben, eines der wichtigsten Erziehungsziele zu erreichen: Selbstständigkeit.

Kinder sind mehr als Defizite

Ja. Und dann liest man dieses Buch und holt sich als Mama auf vielen Seiten eine blutige Schramme. Wenn man zum Beispiel merkt, dass man selbst dazu neigt, die Kinder nach Defiziten abzuscannen und sich Strategien zurechtzulegen, wie man diese Defizite am besten behebt. Dass man ganz leicht vergisst, dass Muttersein mehr ist als nonstop fördern, umsorgen und kontrollieren. Sondern auch ein Zustand, der einfach Spaß macht und den man genießen kann - wobei nicht jede Beschäftigung mit dem Kind einem übergeordneten Auftrag folgen muss. Und auch mal wieder gesagt bekommt, dass es durchaus okay ist, sich auch mal nicht mit dem Kind zu beschäftigen.

Bei all der Defizitbetrachtung vergisst man leicht, dass Kinder stark sind. Wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Ganz hart geht die Schweizerin übrigens mit dem Sicherheits- und Überwachungswahn ins Gericht, der heutzutage zusehends die Erziehung bestimmt. Nicht umsonst hat sie ihr Buch "Lasst die Kinder los" betitelt. Aber welchen Mehrwehrt hat das ganze jetzt für uns Eltern?

Zum Beispiel den, dass die Expertin ganz klar sagt: Es genügt völlig, wenn ihr "hinreichend gute Eltern seid". Auch mal schön zu lesen, dass man als Erziehungsberechtigte nicht perfekt sein muss, um die Brut gebührend aufs Leben vorzubereiten. Nach Meinung von Stamm genügt ein gesunder Mittelweg - an entscheidenden Kreuzungen kann man gerne ganz intuitiv abbiegen. Sogar ohne theoretischen Unterbau durch die Lektüre von diversen Ratgebern. Die machen nach Überzeugung der Schweizerin ohnehin vor allem ein schlechtes Gewissen und führen zu der Ansicht, dass die Eltern an allem schuld sind.

Konsequenterweise hat die Erziehungswissenschaftlerin auch keinen Erziehungsratgeber geschrieben - sondern eine Analyse all der Faktoren und gesellschaftlichen Mechanismen, die dazu beitragen, dass viele Mütter und Väter die Aufgabe, Eltern zu sein, zusehends als große Herausforderung empfinden, die sie kaum bewältigen können. Ganz einfach zu lesen ist das nicht. Auch, weil Stamm auf einfache Handlungsanweisungen und Tipps verzichtet und dem Ergebnis empirischer Studien viel Platz einräumt.

Sie zeigt auf, interpretiert und gibt dadurch Impulse. Die Schlussfolgerungen muss jede Leserin und jeder Leser dann schon selber ziehen - bei mir war es oft ein einfaches "Aah! Das hab ich mir auch schon immer gedacht". Und dann habe ich doch etwas anderes gemacht - manchmal völlig im Gegensatz zu dem, was meine innere Stimme mir eigentlich gesagt hat. Weil ich als wohlinformierte Mutter Angst hatte, einen Fehler zu machen, der nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Ein bisschen Intuition hier, ein bisschen Laisser-faire da. Wow. Wenn das wirklich so einfach ist, hätte man sich all die Jahre die diversen Förder- und Therapietermine vom Musik-Karussell bis zur Logo auch gleich sparen können … und das Ganze sogar ohne schlechtes Gewissen! Aber leider macht es Frau Stamm den Eltern nicht ganz so einfach: Zurücklehnen, machen lassen - ja. Aber eben auch erziehen. Sie nennt das autorativ. Will heißen: Konsequent. Erwachsen. Diejenige sein, die die Regeln macht - und nicht die beste Freundin der Kinder. Mutter eben. Mit Mut zum Fehler - und ohne die Angst, nicht perfekt zu sein. Denn das ist ohnehin niemand. Im Übrigen auch kein Kind. Egal, wie behütet und gefördert es ist. Allein dieser Gedanke entspannt doch schon ungemein…

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