LIEBE LIEBE

Scheidungsurteil: Frau bekommt 90 Prozent des Vermögens

Richterhammer neben Eheringen
Für einen Briten wird die Scheidung jetzt teuer: Er muss 90 Prozent seines Vermögens an seine Ex-Frau zahlen

Keine Chance mehr auf einen Job

90 Prozent des Familienvermögens gehen …. an die Hausfrau und Mutter. So hat es in einem spektakulären Scheidungsprozess ein Richter entschieden – und einer 52-Jährigen umgerechnet 715 000 Euro zugesprochen. Begründung: Sie habe aufgrund ihres Alters und ihrer eingerosteten Fähigkeiten („rusty skills“) geringe Chancen, eine Stelle zu finden und benötige deshalb einen angemessenen Ausgleich. Ihr Mann dagegen – Geschäftsführer einer Software-Firma – müsse bei einem Jahreseinkommen von über 300.000 Euro keine Angst vor Armut haben.

Von Ursula Willimsky

Das sind doch mal klare Worte. Das Geld, so die Meinung des Richters, habe Jane M. sich in 25 Jahren als Hausfrau und Mutter redlich verdient. Schließlich habe sie in Absprache mit ihrem Mann kompetent und effektiv das Familienleben organisiert und dafür ihre Karriere als Personalberaterin an den Nagel gehängt.

Zu organisieren gab es einiges, wie die Daily Mail gerne aufzählt: Das 1,5-Mio Anwesen in bester Lage wollte gepflegt sein. Die exklusiven Privatschulen für die drei Kinder mussten ausgewählt werden. Und irgendjemand musste ja auch die Geschenke für die Eheleute und die Kinder besorgen. Hier mal ein Pferd, da mal ein Auto. Und so weiter und so fort.

Die Ex-Karrierefrau und nun auch Ex-Ehefrau hatte sich also an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt – zu dem sie vermutlich nach dem Motto „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine erfolgreiche Frau“ auch einiges beigetragen hat. Auch Repräsentieren kann ja ein knallharter Job sein. Den Einwand des Ex-Mannes, seine ehemalige Frau habe nach der Trennung nichts unternommen, um selbst Geld zu verdienen, aber weiterhin ihren Lebensstil beibehalten – erwähnt sei hier eine Geburtstagsparty, die mehr als 5.000 Euro kostete – stimmten den Richter nicht um.

Den Rosenkrieg der reichen Briten kann man süffisant begleiten. Aber dahinter steckt im Grunde das gleiche Prinzip, das andere Scheidungsfälle zu einem mitunter existenzbedrohenden Prozess macht.

Wer gerade keinen Millionär zur Hand hat, bei dem er bleiben oder von dem er sich vielleicht scheiden lassen will, sollte sich eventuell von Zeit zu Zeit die eigene finanzielle Absicherung vor Augen halten.

Vorsicht! Versorgungslücke!

Die Hans-Böckler-Stiftung hat errechnet, dass hierzulande Frauen noch immer im Durchschnitt 22 Prozent weniger verdienen als Männer. Die Gründe: Frauen sind und waren weit häufiger gar nicht berufstätig als Männer. Sie arbeiten häufig nicht Vollzeit. Bekommen niedrigere Entgelte, auch wenn diese Lücke sich allmählich zu schließen scheint. Sie haben in ihrer Vita häufigere und längere Erwerbsunterbrechungen – zum Beispiel wegen der Kinder. Und oft arbeiten sie in Minijobs ohne Rentenversicherung.

All diese Faktoren, so die Stiftung, sorgen dafür, dass bereits die gesetzliche Altersrente für Frauen (betriebliche Altervorsorgemaßnahmen noch nicht eingerechnet) im Schnitt um rund 40 Prozent geringer ausfällt als für Männer – trotz des sozialen Ausgleichs im Rentenrecht.

Hinzu kommt die Unsicherheit, was passiert, wenn die Ehe nicht hält. Die Unterhaltsreform hatte zum Ziel, die finanzielle Situation von Eheleuten nach einer Scheidung gerechter zu gestalten. Der „Focus“ formuliert das so: „Die Partner sollen im wahrsten Sinne des Wortes wieder ein getrenntes Leben entsprechend ihrem ursprünglichen Lebensstandard leben. Die Zeiten, in denen das Credo galt „einmal Arztfrau, immer Arztfrau“ sollten endgültig passé sein, der oder die Ex wieder lernen, dass sie nach der Scheidung auf eigenen Beinen stehen müssen. Statusverluste inklusive.“

Stärker als bisher soll nun der Einzelfall betrachtet werden: Gibt es Kinder, die betreut werden müssen? Gibt es wohnortnahe Betreuungsmöglichkeiten? Auf welche Arbeits- und Rollenverteilung hatten sich die Eheleute geeinigt? Welche Chancen hat die Ex überhaupt, wieder einen Job zu finden?

Ähnlich wie im britischen Fall – vermutlich jedoch nur selten in derart ausgeprägten finanziellen Dimensionen – kommen auch hierzulande im Einzelfall verschiedenste Faktoren zum Tragen. Unter anderem sieht der Gesetzgeber den sogenannten „Ausgleich des ehebedingten Nachteils“ vor. Bei Unterhaltszahlungen schneiden oft die Frauen relativ gut ab, deren Ehe lange hielt, also mindestens zehn bis 15 Jahre. Sind keine gemeinsamen Kinder da, oder dauerte die Ehe nur kurz, werden häufig andere Maßstäbe angelegt.

Jane und Peter M., das reiche Ex-Paar aus Großbritannien, hat sich nach 25 Jahren scheiden lassen. Eine Zeitspanne, in der die Frau nach Meinung des Richters einen recht üppigen ehebedingten Nachteil angehäuft hat. Ob sie tatsächlich fast das ganze Vermögen bekommt, ist allerdings noch offen: Das spektakuläre Urteil kommt nun erst einmal vor ein Berufungsgericht.

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