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Scheidungskinder leiden nicht immer: Ein Trennungskind erzählt

Trennungskind erzählt: "Lasst euch bitte endlich scheiden!"
Streit belastet oft mehr als eine endgültige Trennung © Tomasz Trojanowski - Fotolia

"Lasst euch bitte endlich scheiden!"

Trennungen sind nicht immer schlecht. Oft wird dabei von den traumatischen Folgen für die Kinder geredet. Für mich persönlich war die Scheidung meiner Eltern eine Erlösung, auf die ich viele Jahre warten musste.

Von Sarina Wörmann

Kürzlich hat das Rheingold-Institut eine Kinderstudie zum "Alltags-Erleben der Kinder" durchgeführt. Das zentrale Ergebnis der Studie: "Kinder erleben ihre Welt zunehmend als labil und brüchig. Auch über einer noch intakten Familie schwebt das Damoklesschwert einer möglichen Trennung". Aber ist eine Trennung für Kinder eigentlich wirklich so schlimm? Ich als Scheidungskind sage: Nein. Für mich zumindest war es eine Erlösung.

Seit ich denken kann, haben sich meine Eltern immer gestritten, schon vor meiner Pubertät wurde die unausweichliche Trennung immer wieder im Familiengespräch angekündigt und dann doch nicht in die Tat umgesetzt. Erst als ich mit neunzehn von zu Hause auszog, wagte meine Mutter den Schritt, ebenfalls mein Elternhaus und meinen Vater zu verlassen und damit die Familie endlich zu erlösen. Das oben beschriebene Damoklesschwert der möglichen Trennung, war tatsächlich die große Belastung, die endlich abfiel, als meine Eltern beschlossen, den großen Schritt zu wagen.

Wir haben unsere Eltern angefleht: "Lasst euch bitte endlich scheiden!"

Letztendlich, so hat es mir meine Mutter immer wieder erklärt, hat sie aus Liebe und Rücksicht zu mir und meinem Bruder so lange mit ihrer Entscheidung gewartet: "Wir wollten aus euch keine Scheidungskinder machen." Schon früh konnte ich dieses Argument nicht verstehen, denn die Ehe meiner Eltern hat die Familie nicht weiter zusammen gehalten, sie hat sie immer mehr zerrissen.

Selbst wenn Eltern versuchen, ihre Streitigkeiten zu verbergen, Kinder merken die Unruhe, die Unzufriedenheit und das drohende Unglück. Ich kann meinen Eltern daraus keinen Vorwurf machen. Mein Vater war als erfolgreicher Manager kaum zu Hause, meine Mutter immer für uns Kinder da. Wenn ich heute auf die beiden zurückblicke, glaube ich, sie haben nie zusammengepasst, könnten kaum unterschiedlicher sein. Beide wussten, dass ihre Ehe nur noch zum Schein gewahrt wurde, über Jahre hinweg.

Ich habe mich über Jahre hinweg auf die Trennung meiner Eltern vorbereitet und manchmal selbst nicht mehr daran geglaubt. Alle paar Monate wurde unser Familienrat einberufen. Mama, Papa, mein Bruder und ich saßen an einem Tisch - die aktuelle Situation sollte mit allen diskutiert und verbessert werden. Dabei haben wir ALLES versucht und mussten immer wieder feststellen, dass eigentlich nichts mehr zu retten ist. Wenn es nicht passt, dann passt es wohl einfach nicht. Der Druck, trotzdem die Familie zu erhalten, nicht aufzugeben und immer wieder zu kämpfen, hat die Trennung um Jahre hinausgezögert und ich kann nur teilweise verstehen, wieso meine Eltern erst so spät endlich Schluss gemacht haben.

Es wird immer Partei ergriffen für ein Elternteil. Bei so viel Streit wie in meiner Familie, habe ich oft die Parteien gewechselt – gleiches Recht für alle, dachten sich mein Bruder und ich. Mal war ich für Mama, mal für Papa. War ich für Mama, war er für Papa. War ich für Papa, er für Mama. Wir haben versucht, zu schlichten, zu versöhnen und irgendwann haben wir aufgegeben. Oft haben wir abends stundenlang darüber geredet, wie es wäre, wenn unsere Eltern endlich nicht mehr zusammen sind: Wochenenden mit Papa, an denen er sich wirklich Zeit nimmt und nicht nur gestritten wird. Ruhige Stunden in der Woche mit einer Mutter, die nicht permanent unter Strom steht. Wir wünschten uns konsequente Eltern, vor denen wir wieder Respekt haben konnten. Wir haben unsere Eltern angefleht: "Lasst euch bitte endlich scheiden!"

Meinem Bruder und mir wäre sicherlich viel Schmerz erspart geblieben, hätten meine Eltern nicht immer noch die perfekte Familie spielen wollen, als wir schon längst keine mehr waren. Über die Jahre haben sich die Eltern vieler meiner Freundinnen getrennt und hauptsächlich verspürte ich Neid, wenn eine von ihnen weinend in meinem Arm lag. Ich sehnte mich nach der Erlösung auch endlich weinen zu dürfen, um die Familie, die ich längst verloren hatte. Doch ohne Trennung keine Tränen - erst wenn die Eltern Ernst machen, dürfen die Kinder offiziell trauern.

Trennungen sind nicht immer schlecht, für mich war die Trennung meiner Eltern eine Erlösung. Der ewige Streit vorbei, der Kampf eine Fassade aufrecht zu erhalten, der Kampf Mama und Papa zu versöhnen. Ich bin mir sicher, dass es überhaupt keinen Sinn macht, eine Beziehung nur für die Kinder und für den Wunsch nach einer heilen Familie aufrecht zu erhalten. Trennungen gehören zum Leben dazu und sie schmerzen, doch die Wunden heilen. Ist die Ehe der Eltern wirklich am Ende, ist ein klarer Schnitt besser, als ewige Unsicherheit. Ich liebe meine Eltern nicht weniger, weil sie sich getrennt haben. Ich liebe sie dafür, dass sie diesen unausweichlichen Schritt letztendlich doch noch gegangen sind.

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