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Scheidungskinder: Kummer, Schuld und Scham

Scheidungskinder sind voller Kummer, Schuld und Scham
Die Scheidung oder Trennung der Eltern ist für Kinder die schwerste Belastung. Oft werden sie auch noch tiefer in die Konflikte der Eltern verstrickt. © Tomasz Trojanowski - Fotolia

Scheidung bald Standard-Erfahrung in der Kindheit

Mutter und Vater sind für alle Kinder die wichtigsten Eckpfeiler. Sie ernähren und beschützen, beraten und loben, erlauben und verbieten, beschenken und bestrafen, sie teilen Freude und halten Leid vom Kind fern. Und wenn Ehe oder Beziehung der Eltern in die Brüche gehen, beginnt für die meisten Scheidungskinder die schwerste Zeit ihres Lebens. Es scheint, als würde diese tragische Phase im Leben eines Kindes bald zur Standard-Erfahrung der Kindheit: Die Scheidungsquote steigt gegenwärtig weiter an und liegt bereits jetzt um 50 Prozent. Jede zweite Ehe wird geschieden. Mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben nur mit einem Elternteil zusammen. Bald wird die Mehrheit der Kinder in Deutschland Scheidungskind sein.

Der Loyalitätskonflikt ist das große Drama des Scheidungskindes. In den meisten Fällen bleiben die Kinder nach der Trennung der Eltern bei der Mutter. Und das bedeutet in den allermeisten Fällen, dass sie den Vater nicht mehr lieben dürfen, wenn sie die Mutter nicht verletzen wollen. Ein Teufelskreis beginnt, der Scheidungskinder oft schwer schädigt. Psychologen wie Lieselotte Staub ("Das Scheidungskind im Loyalitätskonflikt") erklären den Prozess, den Scheidungskinder durchmachen und der sie oft auch innerlich deformiert in diesen sechs Schritten:

Happy End auch für Scheidungskinder möglich

1. Der Loyalitätskonflikt: Das Kind liebt beide Elternteile gleich, lebt aber nur mit einem Elternteil zusammen und erlebt intensiv dessen psychische Belastung in der ersten Trennungsphase mit. Wenn es sich in irgendeiner Form „treu“ zum anderen Elternteil zeigt, wird ihm das der Elternteil, mit dem es zusammen lebt als „Verrat“ auslegen.

2. Das Kind hält zum Elternteil mit dem es zusammen lebt. Diese Entscheidung reduziert den Stress, dem das Kind ausgesetzt ist.

3. Der andere Elternteil - meist der Vater - wird abgewertet und abgelehnt.

4. Die Scham, die diesen „Verrat“ eigentlich begleiten müsste, wird vom Kind unbewusst abgespalten.

5. Diese Abspaltung ist notwendig oder zumindest hilfreich, damit das Kind mit der Situation und mit seiner Entscheidung klarkommt. Gleichzeitig verändert sie aber das Wesen des Kindes. Weil die Abspaltung unbewusst erfolgt ist, kann sich das Kind, wenn es später emotional stabiler geworden ist, doch nicht mehr damit auseinandersetzen. Die unterschwellige Scham über seinen „Verrat“ wird das Kind von da an begleiten.

6. Als eine der ersten Konsequenzen aus dieser Situation meinen viele Kinder, sie seien schuld daran, dass sich die Eltern getrennt haben.

Die Belange der Kinder werden vor diesem Hintergrund heute weitaus stärker von Scheidungsrichtern berücksichtigt als früher. Neueste Entwicklung: Statt eines Urteils veranlassen die Richter ein „Mediations-Verfahren“. Ein unparteiischer Schlichter vermittelt zwischen den zerstrittenen Eltern, um wenigstens halbwegs vernünftige Lösungen für den Umgang miteinander und im Verhältnis zu den Kindern zu finden und um die Aggressionen zwischen dem Ex-Paar abzubauen.

Trotz aller Belastungen haben Scheidungskinder langfristig - das bescheinigen Wissenschaftler - kaum größere Probleme als Kinder, die in intakten Familien aufgewachsen sind. Sie haben allerdings ein anderes Verhalten bei der Partnerwahl als Kinder aus intakten Familien. Scheidungskinder sind entweder zupackender oder zurückhaltender. Oft werden sie in unhaltbare Beziehungen getrieben aus dem inneren Wunsch heraus: „Ich will es besser machen“.

Deswegen ist auch das Scheidungsrisiko von Scheidungskindern höher: Die Forscher sprechen vom „transgenerationellen Risikotransfer“. Auf Deutsch: Scheidung wird vererbt. Wer ein Scheidungs- oder Trennungskind ist, kommt nur selten allein klar in Sachen Beziehung. Experten empfehlen Psychotherapie, Familienberatung und viele offene Gespräche mit guten Freunden. Dann kann es auch für das Scheidungskind ein Happy End geben.

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