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Scheidungskind Melanie (31): "Mein Vater betrog meine Mutter"

Scheidung nach Fremdgehen
Scheidung, weil ein Partner fremdgeht © iStockphoto

"Anfangs war ich wütend auf meine Mutter"

"Noch heute wache ich manchmal mitten in der Nacht auf und spüre Tränen auf meinem Gesicht. Dann muss ich weinen, weil ich wieder einmal von meiner Vergangenheit geträumt habe, von der Zeit, als meine Eltern noch glücklich miteinander waren. Was damals passierte, verfolgt mich bis heute.

Als ich acht Jahre alt war, erklärte mir meine Mutter, dass wir umziehen würden. Zunächst fand ich das aufregend, aber als ich hörte, dass mein Vater nicht mitkommen würde, war ich sehr traurig, denn ich liebte ihn abgöttisch. Meine Mutter erklärte mir, er habe sie betrogen, und deshalb könne sie nicht länger mit ihm zusammenleben. Ich war wütend auf sie, denn ich wollte nicht von meinem Vater weg. In dieser miesen Stimmung zogen wir zusammen aus einem kleinen hübschen Häuschen mit Garten in eine Mini-Wohnung im zweiten Stock.

Ich hasste mein neues Leben. Alles war fremd, anders, und mein Vater fehlte mir. Dazu kam, dass meine Mutter damals sehr krank war und oft in die Klinik musste. Dann wurde ich zu Verwandten und Freunden "weitergereicht", musste mal hier, mal da übernachten. Meine Mutter überwand ihre Erkrankung zwar, konnte danach aber nicht mehr arbeiten gehen. Sie bekam eine kleine Frührente und wir lebten von Sozialhilfe. Dies alles war für das kleine Mädchen, das ich damals war, schon schlimm genug. Aber noch mehr schmerzte es mich, dass mein geliebter Vater sich offenbar überhaupt nicht für mich interessierte: Weder besuchte er mich, noch rief er an. Er zahlte mir und meiner Mutter überhaupt kein Geld, und es interessierte ihn offenbar gar nicht, dass wir nun am Existenzminimum lebten.

"Aus der Liebe zu meinem Vater wurde Hass"

Meine Liebe zu meinem Vater wandelte sich nun langsam in Abneigung, dann in Hass um. Als ich zum Teenager wurde, existierte "der Typ" für mich einfach nicht mehr. Mit meiner Mutter hatte ich mich inzwischen arrangiert, und wir beide bildeten ein festes Bollwerk gegen die böse Männerwelt da draußen. Durch ihre Erlebnisse, die Krankheit, ihre Scheidung, hatte meine Mutter all ihr Selbstbewusstsein und ihren Lebensmut verloren. Sie blieb alleine, wollte keinen Mann mehr in ihr Leben lassen. Ähnlich ging es mir damals auch: Die schlimmen Erlebnisse mit meinem Vater hatten mich innerlich abstumpfen lassen: Ich lernte zwar Männer kennen und ging Beziehungen zu ihnen ein, aber ich behandelte sie meistens schlecht und betrog sie sogar. Als meine Mutter eines Abends betrübt zu mir sagte, ich würde zu sehr nach meinem Vater schlagen, war ich zunächst tief betroffen: Wie mein verhasster Vater wollte ich nun wirklich nicht sein, das war für mich das Allerletzte! Aber es machte mich auch neugierig.

Mit Anfang 20 begann ich, mich heimlich über meinen verschollenen Vater zu informieren. Er hatte die Frau, mit der er meine Mutter betrogen hatte, inzwischen geheiratet und die beiden hatten eine gemeinsame Tochter bekommen. Ohne dass meine Mutter es mitbekam, rief ich ihn eines Tages an, verabredete ein Treffen. Mein Vater war begeistert, freute sich, mich nach all den Jahren wiederzusehen. Ich fuhr also heimlich zu ihm und seiner neuen Familie, mit einem wahnsinnig schlechten Gewissen, denn nun kam es mir vor, als würde ich meine Mutter hintergehen.

Bei diesem Besuch gingen mir die Augen auf: Mein Vater schimpfte eigentlich die ganze Zeit nur über meine Mutter, seine Ex-Frau. Das konnte ich natürlich nicht so hinnehmen, denn trotz aller Schwierigkeiten hat sie immer versucht, mir eine gute Mutter zu sein. Mein Vater dagegen verlor kein Wort darüber, dass er uns hat sitzenlassen, dass er meine Mutter betrogen und mit einem Kind und einem Berg voller Schulden alleingelassen hatte. Ich saß einfach nur da, und staunte, wie ihm all seine Beschimpfungen und Lebenslügen so locker über die Lippen kamen. Als ich dann noch meine Stiefschwester kennenlernte, die er an meiner Stelle verhätschelte, und mit der er sehr fürsorglich und liebevoll umging, war das zuviel für mich! Ich fühlte mich verraten und verkauft: Diese Liebe, diese Zuneigung hätte ich mir als Kind auch von meinem Vater gewünscht, habe aber all dies nie von ihm bekommen! Niemals hatte er sich so um mich gekümmert! Nach diesem Besuch schwor ich mir, dass ich meinen Vater von jetzt an nicht mehr sehen wollte.

In den kommenden Wochen dachte ich über mein bisheriges Leben nach. Obwohl ich dies nie vermutet hatte, war ich von der Trennung meiner Eltern mehr beeinflusst worden, als ich es je für möglich gehalten hätte. Mir wurde nun klar, dass ich mich unbewusst habe beeinflussen lassen und beschloss, mein Verhalten zu ändern. Meine Mutter spürte die Veränderung, die in mir vorging. Sie war froh und lobte mich, endlich "erwachsen" geworden zu sein. Von dem Besuch bei meinem Vater habe ich ihr bis heute nicht erzählt. Aber ich denke, dass ich bald so weit bin, dass ich eine längere und feste Beziehung zu einem Mann eingehen kann. Zur Freude meiner Mutter habe ich mich vor einer Weile in einem Internetportal angemeldet und suche dort nach meinem Traummann. Und der soll das genaue Gegenteil von meinem Vater sein."

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