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Scheidungskind: Eine lebenslange Belastung?

Scheidungskind: Eine lebenslange Belastung?
Scheidungskind: lebenslange Belastung? © Tomasz Trojanowski

Schicksal Scheidungskind

"Ich war erst zehn Jahre alt, als meine Eltern sich scheiden ließen. Damals habe ich nicht alle Einzelheiten mitbekommen, aber eins war mir schon nach kurzer Zeit klar: Meine "heile Welt" mit Mutter, Vater, Kind gab es nun nicht mehr. Es war, als wäre ich aus einem schönen Traum aufgewacht. Ab sofort lebte ich bei meiner Mutter, und wir wurden gute Freundinnen. Aber es war nie mehr dasselbe, irgend etwas fehlte... Mein ganzes weiteres Leben, bis ins Erwachsenenalter, wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine intakte Familie."

Barbara (45) aus Hannover ist ein Scheidungskind. Obwohl sie heute längst erwachsen ist und eine eigene Familie hat, wurde ihr Leben von der Scheidung der Eltern geprägt. Schaut man sich einmal Statistiken über Scheidungsraten an, wird erst klar, dass viele Menschen bundesweit ihr Schicksal teilen. In Barbaras Geburtsjahr 1965 zum Beispiel lag die Scheidungsquote bei 12 Prozent: 492.000 Eheschließungen standen rund 58.000 Scheidungen gegenüber. Als Barbara zehn Jahre alt war und ihre Eltern sich trennten, war die Quote bereits auf 27, 6 Prozent gestiegen!

Die Scheidungsquote steigt an

In einer vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Tabelle aus den Jahren 1900 - 2004 kann man den Anstieg der Scheidungen genau beobachten: Die Jahrhundertwende begann harmlos: Nur 1,9 Prozent aller geschlossenen Ehen wurden wieder geschieden. Zu Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkriegs hatten die Menschen offenbar Wichtigeres zu tun, als Ehekriege zu führen. Die Quoten dümpelten hier zwischen drei und acht Prozent. Doch in der Nachkriegszeit wurde das Versäumte nachgeholt: 1950 lag die Scheidungsquote bei 14,6 Prozent, und sank in den folgenden Jahren wieder leicht. Quasi als "Nachwehen" der wilden 68er kann man wohl das Ansteigen der Quote auf 17,2 Prozent (1970) und 29,6 Prozent (1976) werten.

Nach einem kurzen Einknicken stieg die Scheidungsquote ab 1980 (26,6 Prozent) nun stetig an: 1981 übersprang sie erstmalig die 30-Prozent Marke, 1996 kletterte sie über 40 Prozent und im Jahr 2001 über 50 Prozent. Der bisherige Höhepunkt lag dabei im Jahr 2003 mit 55,9 Prozent! Auf diesem Niveau hat sich die Scheidungsquote inzwischen eingependelt. Etwa die Hälfte der unter 18 Jahren.

Die Ängste von Scheidungskindern

Untersuchungen haben ergeben, dass die meisten Scheidungskinder später selbst eine Familie gründen. Die in früher Kindheit selbst erlebte Trennung der Eltern scheinen sie als Erwachsene also überwunden zu haben. Eine These, die auch der Schweizer Kinderarzt Professor Dr. Remo H. Largo unterstützt. Er ist Spezialist für die geistige und körperliche Entwicklung von Kindern und hat in jahrelangen Forschungen herausgefunden, dass Kinder eine Scheidung gut überstehen können. Voraussetzung dafür aber ist, dass sie viel Zuwendung bekommen und Kontakt zu Mutter und Vater behalten.

Dennoch leiden Scheidungskinder natürlich unter Ängsten und Sorgen. Und diese, so Professor Remo Largo, sollten ihnen die Eltern so weit wie möglich nehmen: Kinder fürchten sich bei einer Trennung nämlich meistens davor, ein Elternteil gar nicht mehr sehen zu können oder vielleicht auch umziehen zu müssen. Nimmt man ihnen diese Sorgen, verkraften sie die Trennung viel leichter.

Schwer ist solch eine familiäre Änderung für Kinder in jedem Alter, so Remo Largo. Wenn sie noch sehr klein sind, ist die Situation, die Wochenenden beim Vater zu verbringen, meistens sehr schwierig. Häufig sind hierbei nämlich die Väter überfordert, wenn sie plötzlich ihr Kind wickeln, füttern oder unterhalten müssen. Sind die Kinder im Teenageralter, sind die gerade dabei, intensive Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen und erleben vielleicht selbst gerade die erste Liebe. Die Trennung der Eltern, vielleicht verbunden mit Untreue und Streit, verunsichert die Kinder. Viele fragen sich dann, ob es Treue überhaupt gibt und es sich lohnt, eine Beziehung aufzubauen?

Scheidung: Wie sag ich's meinem Kind?

Eltern fürchten sich am meisten vor dem Moment, an dem sie ihren Kindern die Wahrheit über ihre gescheiterte Beziehung sagen müssen. Laut Professor Remo sollte man dieses Gespräch gut vorbereiten und planen, und den Kindern nicht im Streit von den Trennungsabsichten berichten. Viel zu schnell geben sich nämlich die Kinder die Schuld, dass Papa und Mama sich nun nicht mehr lieben... Um dem entgegenzuwirken sollten die Eltern versuchen, die Sachlage möglichst genau und kindgerecht zu erklären. Da die Würfel ja sowieso schon gefallen sind, sollte es dem getrennten Paar nun darum gehen, die Kinder möglichst heil durch die Krise zu bekommen. Und sie sollten mit der fälligen Aussprache nicht warten, bis der Möbelwagen schon vor der Tür steht: Kinder haben nämlich ein sehr gutes Gespür dafür, dass etwas nichts stimmt...

Drei Frauen, die solch eine Scheidung in ihrer Kindheit und Jugend miterlebt haben und heute erwachsen sind, berichten von ihren Erfahrungen und darüber, wie sehr die Trennung der Eltern ihr weiteres Leben beeinflusst hat.

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