FAMILIE FAMILIE

Scheidungskind Carina (28): "Vaterliebe hätte mich fast meine Zukunft gekostet"

Scheidung wegen Faulheit eines Partners
Carinas Mutter trennte sich, weil ihr Ehemann sich gehen ließ © WavebreakMediaMicro - Fotolia

"Meine Mutter machte meinen Vater dauernd schlecht"

"Ich bin aufgewachsen mit dem Wissen, dass mein Vater ein Loser und Versager war. Meine Mutter ließ kaum eine Gelegenheit aus, um ihn schlecht zu machen, Nach ihrer Aussage war seine einzige gute Tat in diesem Leben die Tatsache, dass er mich gezeugt hatte. Ansonsten hielt sie ihn für einen faulen, verlogenen und unzuverlässigen Mistkerl.

Als sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung warf, war ich erst fünf, also noch viel zu klein, um alles mitzubekommen. Meine Mutter arbeitete damals und mein Vater war - mal wieder - arbeitslos. Monatelang hat meine Mutter wohl mit angesehen, wie er es sich tagsüber auf unserem Sofa gemütlich machte, während sie zur Arbeit hetzte, einkaufte und kochte. Es war nicht nur so, dass mein Vater sich unfähig fühlte, sich eine Arbeit zu suchen. Auch zu Hause konnte er nicht groß mit anfassen, weil ihn diverse Schmerzen plagten: Im Rücken, im Nacken, im Kopf und in den Beinen. Irgendwann hatte meine Mutter seine Ausreden, seine Lügen und sein Gejammer satt: Mit sechs Jahren war ich ein Scheidungskind. Obwohl ich all die Beschuldigungen, die meine Mutter meinem Vater gegenüber äußerte, verstehen konnte, sehnte ich mich in all den Jahren nach ihm. Mir fehlte der Vater, der Mann im Haus - jemand, der sich um mich sorgte, der mich beschützte, und dem ich viel bedeutete. Jahre später, mit 14, 15 Jahren, hörte ich neidisch zu, wie meine pubertierenden Freundinnen erzählten, dass ihre Väter eifersüchtig über sie wachten.

Inzwischen hatte meine Mutter einen neuen Partner, Thomas, kennengelernt. Die beiden heirateten, und wenig später war meine Mutter schwanger. Natürlich freute ich mich, denn jetzt wurden wir ja wieder eine richtige Familie. Ich bekam Zwillingsschwestern, und das Leben bei uns war jetzt laut, bunt und quirlig. Ich versuchte, meinen leiblichen Vater zu vergessen. Thomas gab sich große Mühe und war für mich ein sehr lieber und angenehmer Stiefpapa.

"Mine Mutter schenkte mir Liebe und Fürsorge"

Das änderte sich, als ich in die Pubertät kam. Als älteste Schwester bekam ich immer neue Aufgaben und Pflichten: Ich sollte im Haushalt helfen und natürlich musste ich oft auf meine kleinen Geschwister aufpassen. Meine Mutter und Thomas arbeiteten sehr viel, um Geld für das Häuschen zusammenzubekommen, in dem wir fünf inzwischen lebten. Als 16-jährige gefiel mir mein Leben nun aber überhaupt nicht: Ich wollte viel mehr Freiheiten, öfters ausgehen und weniger häusliche Pflichten. Immer häufiger kam es nun zum Streit mit Thomas, dem ich regelmäßig vorwarf, er habe mir gar nichts zu sagen, er sei eben nicht mein Vater! Das sah Thomas auch immer öfter so, und ich spürte deutlich, dass er meine beiden kleineren Schwestern, die ja von ihm waren, deutlich vorzog. Ich zog mich von ihm zurück, wurde immer verschlossener, und litt auch darunter, wieder "vaterlos" zu sein.

Damals kam mir mein leiblicher Vater wieder in den Sinn. Lange Zeit hatten wir kaum Kontakt miteinander gehabt. Ein paar geplante Treffen mit ihm waren oft kurzfristig geplatzt, weil er es mal wieder "nicht geschafft" hatte. Eigentlich war ich sauer auf ihn und hatte noch die Schimpftiraden meiner Mutter im Ohr, dass er faul und arbeitsscheu sei. Plötzlich kam mir das alles gar nicht mehr so schlimm vor: Besser, einen Elternteil zu Hause zu haben, als Eltern, die zuviel arbeiten, nie Zeit haben und immer gestresst sind. Also beschloss ich, meinen Vater mal wieder zu besuchen. Aus dem einen Treffen wurden mehrere, bald übernachtete ich auch am Wochenende dort, und wir machten es uns gemütlich. Da mein Vater nie früh aufstehen musste, blieben wir abends lange wach, aßen um Mitternacht noch eine Pizza und sahen uns bis in den frühen Morgen Filme an. Das war ein Leben! Kurz vor meinem 17. Geburtstag eröffnete ich meiner Mutter und Thomas, dass ich zu meinem Vater ziehen wollte. Die beiden fielen aus allen Wolken, und besonders meine Mutter war völlig aufgelöst! Aber sie konnten mir meinen Plan nicht ausreden, und nach ein paar anstrengenden Monaten des Streitens und Diskutierens zog ich bei ihm ein.

Nun begann für mich eine Art Dolce Vita. Ich ging kaum noch zur Schule, obwohl ich kurz vor dem Abitur stand. Statt dessen machte ich Party ohne Ende, war ständig unterwegs und schlief bis zum Mittag. Am Wochenende verkaufte ich mit meinem Vater Sachen auf Flohmärkten in der Umgebung. Auf diese Art und Weise verdiente er sich nämlich bereits seit längerem seinen Lebensunterhalt. Ich fand das damals total cool. Die Quittung bekam ich prompt: Meine Schulnoten fielen ab und ich musste das Schuljahr wiederholen. Aber auch jetzt wurden meine schulischen Leistungen nicht besser. Egal, dachte ich mir, mach ich halt mit Papa einen Trödelhandel auf... Ich war drauf und dran, meine Zukunft wegzuwerfen und in die Fußstapfen meines Vaters zu treten.

Aber da traten meine Mutter und Thomas auf den Plan – zum Glück, wie ich jetzt rückblickend sagen muss. Sie drängten mich massiv, wieder zur Schule zu gehen, riefen mich täglich an und kamen regelmäßig vorbei, um mir persönlich ins Gewissen zu reden. Sie schilderten mir ein Leben in Elend und Armut, wenn ich nicht einmal einen Schulabschluß hätte. Mein Vater sagte gar nichts dazu, er hielt sich aus dem Streit zwischen uns völlig heraus. Als ich ihn um seinen Rat fragte, was ich tun sollte, zuckte er nur die Schultern und meinte, ich sei doch alt genug, das müsse ich doch selber wissen. Ich fühlte mich alleingelassen. So hatte ich mir seine Vaterrolle nicht vorgestellt. Mehr und mehr erkannte ich, dass er eigentlich eher so etwas wie ein Kumpel oder älterer Bruder für mich war. Als Vater dagegen, der seiner Tochter den rechten Weg weisen soll, war er völlig ungeeignet.

Ein paar Tage später standen Thomas und meine Mutter wieder vor unserer Tür. Sie hatten Broschüren über den Berufsweg zum Designer dabei - ein Job, mit dem ich schon immer geliebäugelt hatte. Mit leuchtenden Augen erzählten sie mir von meinen Möglichkeiten, von Design-Schulen und Praktikumsplätzen, die sie für mich schon recherchiert hatten. Ich brauchte eigentlich nur noch auszuwählen... Plötzlich schossen mir Tränen in die Augen, und meine Mutter fragte mich erschrocken, was denn los sei. Aber ich war einfach so überwältigt von ihrer Liebe und Fürsorge, dass ich vor lauter Freude anfangen musste, zu weinen. Ich fiel meiner Mutter in die Arme, und dann packte ich meine Sachen. Wenn sie mich noch haben wollten, dann würde ich wieder mit nach Hause kommen! Thomas und meine Mutter waren völlig aus dem Häuschen, als sie das hörten, und halfen mir beim Packen. Meinem Vater schrieb ich einen kurzen Zettel. Er war mit einem Freund unterwegs, um in einem begüterten Stadtteil den Sperrmüll nach Waren für den nächsten Flohmarkt abzusuchen.

Ein Jahr später als geplant habe ich dann mein Abitur gemacht und habe danach ein Design-Studium begonnen. Noch heute kann ich es kaum fassen, dass mich die Sehnsucht nach einem liebenden Vater, nach einer heilen Familie, fast meine Zukunft gekostet hätte."

Anzeige