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Scheidungskind Barbara (45): "Mein Vater war Alkoholiker"

Scheidung wegen Alkoholismus
Scheidung, weil ein Partner Alkoholiker ist © picture-alliance/ dpa, Lehtikuva Tuomas Marttila

"Ohne meinen Vater war es friedlicher"

"Ich war ein Einzelkind und wünschte ich mir jahrelang nur eins: Ein Geschwisterchen. Aber immer dann, wenn ich meine Eltern darauf ansprach, reagierten sie ablehnend. Ich konnte mir das damals nicht erklären, denn in den Familien meiner Freunde kamen ständig neue Babys dazu, es wurde viel gelacht, gespielt und gekuschelt. Bei uns zu Hause jedoch war das anders. Mein Vater war selten da, und meine Mutter und ich verbrachten viel Zeit alleine. Ich hörte meine Mutter oft weinen, wagte aber nicht zu fragen, warum. Wenn dann mein Vater spätnachts nach Hause kam, gab es lauten Streit. Ich steckte meinen Kopf dann ganz tief in die Kissen, um den Lärm nicht mit anhören zu müssen.

Kurz nach meinem zehnten Geburtstag eröffnete mir meine Mutter dann, dass mein Vater ausziehen würde. Ich konnte diese Neuigkeit zunächst nicht begreifen. Er packte also seine Sachen, strich mir noch einmal über das Haar, und ging. Erst eine ganze Weile später fiel mir auf, dass die Stimmung bei uns in der Wohnung jetzt viel besser war. Meine Mutter lachte manchmal sogar, wenn sie von der Arbeit kam, und nachts war es jetzt immer ganz ruhig. Natürlich habe ich meinen Vater anfangs sehr vermisst, weil er mich mit seinen Witzen und seinen Liedern immer zum Lachen gebracht hat. Aber ohne ihn war es irgendwie friedlicher.

Scheidungskind mit eigener glücklicher Familie

Erst als ich 16 Jahre alt war, klärte mich meine Mutter auf, wie sie es nannte: Sie erzählte mir an einem Abend von ihrer Ehe. Was sie mir da offenbarte, war für mich ein Schock: Mein Vater, ein Beamter, war schwer alkoholkrank. Jahrelang hatte sie seine Sucht mitgetragen, es dann aber nicht mehr ausgehalten, als er anfing, sie zu schlagen! Ich konnte es nicht fassen, was sie mir da erzählte! Mein Vater, ein Trinker? Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eher selten, aber regelmäßigen Kontakt zu ihm. Bei meinem nächsten Besuch konnte ich mich nicht mehr beherrschen und fragte ihn nach seiner Krankheit. Er redete sich heraus, versuchte, alles abzustreiten. Dennoch war er von diesem Tag an für mich gestorben. Zwar besuchte ich ihn noch gelegentlich und lud ihn Jahre später auch zu meiner Hochzeit ein, aber emotional hatte ich mich damals von ihm gelöst.

Geheiratet habe ich spät, erst mit Anfang 30. Das lag daran, dass ich Männern gegenüber sehr misstrauisch war und keinen nahe genug an mich heranlassen wollte. Die Trennung meiner Eltern, die Alkoholsucht meines Vaters – all das saß mir noch sehr in den Knochen. Eine feste Beziehung konnte ich mir lange Zeit überhaupt nicht vorstellen. Aus diesem Grund suchte ich mir wohl auch meistens verheiratete Männer aus, von denen ich annahm, dass sie ihre Frau nie verlassen und mir also nicht allzu sehr auf die Pelle rücken würden. Natürlich waren diese Affären nie von Dauer, und oft hatte ich Diskussionen mit meiner Mutter über meine zweifelhafte Partnerwahl.

Mit 28 lernte ich Frank, meinen jetzigen Mann kennen. Zwei Jahre waren wir zusammen, ehe ich beschloss: Das ist er! Frank war ruhig, geduldig, zuverlässig – und er trank fast nie! Er hatte einen kleinen Handwerksbetrieb und war rundherum solide. Als er mir einen Antrag machte, sagte ich sofort Ja! Endlich kam ich meinem Wunschtraum von einer großen, glücklichen Familie näher! In den nun folgenden Jahren bekamen wir Kinder - vier insgesamt! Die zwei Jungs und zwei Mädchen sind lieb und putzmunter. Frank und ich genießen den Trubel, der täglich in unserem Haus herrscht. Natürlich geht es auch manchmal etwas zu turbulent zu, es wird manchmal laut, und hin und wieder wird auch gestritten. Aber ich möchte diese lebendige Atmosphäre um nichts in der Welt gegen die gedrückte Stimmung eintauschen, die ich als Kind mit meinem Eltern im Dauerstreit erlebt habe...."

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