Schaufensterpuppen mit Behinderungen: Warum das Ganze?

Schaufensterpuppen im Rollstuhl
Warum das Ganze?

Ein Kommentar zum Modecoup von J.C.Penny

„J.C. Penny bricht ein Tabu!“, „J.C. Penny zeigt Menschen, wie sie sind!“: So ähnlich klingen derzeit die Überschriften sämtlicher Artikel über den neuesten Coup des US-Modelabels. Doch was hat J.C. Penny eigentlich gemacht? In den Schaufenstern stehen neuerdings ungewöhnliche Puppen: Eine sitzt im Rollstuhl, eine ist übergewichtig, die dritte trägt Beinprothesen. An sich eine feine Sache, denn Menschen sind nun mal nicht perfekt, denken Sie? Ich sehe es etwas anders. Denn in meinen Augen handelt es sich bloß um eine beliebige Modeerscheinung in Zeiten von Facebook & Co: Billiges PR-Werkzeug, welches nur eines zum Ziel hat: Dass auch Sie und ich die Marke ‚J.C. Penny“ kennen – und das auf Kosten von Behinderten.

Von Ava Cookie

Heute ist es total angesagt, die eigene Leidensgeschichte auf der ganzen Welt zu verbreiten. Egal, ob Krebs, Stoma-Beutel, Insulin-Pumpe oder eine seltene Erbkrankheit: Es ist schick, sein Schicksal in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Bilder gehen bei Instagram herum, werden bei Google Plus und Facebook geliked, geteilt und kommentiert. Zumindest dann, wenn das Objekt, für das man Mitgefühl empfindet, schön weit weg ist. Gerne in Amerika oder noch weiter weg. Wenn die Gefahr, dass echter Kontakt im echten Leben entstehen könnte, gebannt ist. Wer möchte denn in einer Welt, in der sich jeder rund um die Uhr selbst optimieren soll, mit jemandem, der Hilfe braucht – unter anderem in Form von Rollstühlen oder Prothesen – konfrontiert werden? Und so möglicherweise mit der eigenen Schwäche? Bitte nicht jetzt, das hat noch Zeit, eines Tages vielleicht. Den Obdachlosen, der täglich vor dem Supermarkt um die Ecke sitzt, habe ich bis jetzt auch immer glatt übersehen.

Warum kaufen wir Kleidung ein? Nur, damit wir nicht nackt herum laufen? Nein, damit wir schön aussehen. Damit wir Speckfalten kaschieren, Winkeärmchen verstecken und vom Hintern, der zu fett oder zu flach oder zu was auch immer ist, ablenken. Wir wollen unsere Makel nicht zeigen, wir wollen besser sein, als wir sind. Kleidung, die auf einer behinderten Schaufensterpuppe zu sehen ist, wollen wir nicht. Es sei denn, wir sitzen selbst im Rollstuhl - es sei denn, es ist unsere Realität. Wir wollen ein ideales Ich im Spiegel sehen. Wir sind Teil einer Gesellschaft, die selbst so krank ist, dass sie vor lauter Blindheit auch das übersieht. Und erst recht verlogene Botschaften der Modeindustrie.

Ach ja, die Botschaft. Wie lautet die überhaupt? Was wollen J.C. & Co. uns eigentlich sagen? Dass man auch im Rollstuhl schön aussehen kann? Dass auch Menschen im Rollstuhl Mensch sind wie du und ich? Ich denke nicht. Die Botschaft lautet: „Seht her, J.C.Penny‘ ist total sozial! Sie lassen ihre Kleidung zwar auch in Bangladesch produzieren, aber die sind voll nett und haben sogar Schaufensterpuppen mit Behinderungen.“ Dass sie menschliches Schicksal zur Vermarktung nutzen, geht dabei unter. Oder können Sie sich an die Mode erinnern, die die Puppen tragen? Ich nicht. Das einzige, was ich jetzt aber weiß, ist, dass ich seit heute das Label J.C. Penny kenne. Also doch ein voller Erfolg, diese Kampagne, oder? Für die Marke ja, für Minderheiten eher nicht.

Wenn sich ein Model namens Bethany Townsend mit seinem Stomabeutel ablichten lässt und die Bilder postet – bitte schön! Das ist ihre Entscheidung, sie zeigt dabei auch ihr Gesicht, wenn sie später dank Mode-Shootings und Interviews finanziell profitiert. Sie vermarktet sich auf diese Weise selbst. Aber die Schaufensterpuppen haben kein Gesicht. Sie stehen für Menschen mit Behinderungen. Aber haben J.C. Penny & Co. auch nur einen einzigen von ihnen um Erlaubnis gefragt?

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