LIEBE LIEBE

Sagt die Breite des Bettes etwas über die Beziehung aus?

Ist die Breite des Betts ein Indikator für Liebe?

"1,40 reicht." Prinz Pi nistet sich mit dieser wunderschönen Metapher gerade als Dauergast in unsere Ohren und Herzen ein. Es geht ums Ende des Verliebtseins und um Konflikte, die sich in einer Beziehung breit machen. "Wenn die Matratze breiter wird, dann wächst der Riss" lassen Prinz Pi und sein Compagnon Philipp Dittberner uns in diesem Zusammenhang wissen. Aber stimmt das wirklich? Ist eine schnöde Größenangabe tatsächlich ein Indikator für die Intensität der Liebe? Oder ganz pragmatisch gefragt: Ist es für eine Beziehung auf Dauer wirklich so toll, wenn die Partner sich Nacht für Nacht im Schlaf aneinanderklammern müssen? Nicht aus Liebe, sondern aus Angst, ansonsten aus dem Bett zu fallen?

Sagt die Breite des Bettes etwas über die Beziehung aus?
Einst kuschelte man noch zusammen, während nach 15 Jahren Ehe eine Grube zwischen den beiden Matratzen klafft. Steht die Bettgröße für das Stadium unserer Beziehung? © Getty Images/Image Source, Image Source, iStock

Von Ursula Willimsky

Ja. Ja. Schon klar. Wir nehmen da einen poetischen Text arg wörtlich und laufen damit Gefahr, die Romantik des Songs zu zerstören. Aber wir haben einfach unsere Zweifel daran, dass 1,40 Meter die geeignete Zahl ist, um den perfekten Beziehungsstatus zu definieren. Ein geflügeltes Wort, von dem wir ehrlich gesagt nicht wissen, woher es stammt, behauptet ja, dass mit der Dauer einer Ehe auch die Breite des ehelichen Bettes wächst. Mag stimmen. Aber ist das wirklich sooo schlimm?

Für gewöhnlich wachsen mit der Dauer einer Ehe ja auch die Partner. Selten in die Länge, häufiger in die Breite. Wer dann beharrlich an der 1,40-Variante der ersten Studentenwohnheim-Romantik festhält, für den kann es eng werden. Zumal nach der Honeymoon-Phase ja auch irgendwann die Phase kommt, in der man nachts im Wortsinn zusammen schlafen und am nächsten Morgen ausgeruht in den Tag starten will.

Aber noch nicht einmal das bekommen manche Langzeit-Paare hin: Die entscheiden sich (falls finanziell und räumlich möglich) für die Variante der getrennten Schlafzimmer. Erspart einiges: Man wird nicht jede Nacht Zeugin, wie das Ehegespons den Stadtwald absägt. Umgekehrt kann man es sich auch mal mit einer Tüte Chips und einem guten Buch im Bett bequem machen, ohne hämische Bemerkungen über störende Kau- und Plastikraschelgeräusche und die damit verbundene potenzielle Entwicklung der eigenen Gewichtskurve anhören zu müssen. Außerdem mault morgens keiner wegen Krümel im Bett.

Getrennt schlafen: Ist die Beziehung gescheitert?

Was bei getrennten Schlafstätten fehlt, ist die selbstverständliche Nähe. Die Möglichkeit, abends noch ein bisschen zu kuscheln und zu plaudern, bevor man gemeinsam einschlummert. Diese Variante wird daher von vielen Experten und Laien als Signal gesehen: Achtung! Die Partner driften auseinander, sie gehen auf Distanz. Wer sich im Schlaf berührt, das fand zum Beispiel Professor Richard Wiseman von der University of Hertfordshire heraus, ist in 94 Prozent der Fälle glücklich in seiner Beziehung. Bei den Paaren, die sich nicht berühren, sind es nur 66 Prozent.

Deutliche Zahlen. Aber um uns jetzt mal laienpsychologisch weit aus dem Fenster zu hängen: Es macht halt auch nen Unterschied, ob man sich freiwillig und gerne sehr nahe ist oder ob man sich immer sehr nahe sein muss (hier drängt sich die Metapher der S-Bahn im Berufsverkehr auf. Sie wissen, was wir meinen: Es geht um Freiräume).

Bei 1,40 ist nun mal nix mit Bewegungsfreiheit. Dreht einer sich nachts um, muss der andere nachziehen oder er wird auf den Fußboden gekegelt. Immerhin: Gedanken über die Qualität der 1,40er-Matratze kann man sich sparen: Das Exemplar, das zugleich optimal für den 80-Kilo-Rückenschläfer und die 53-Kilo-Embryonalstellungsschläferin ist, ist noch nicht erfunden. Das spart Geld und Diskussionen. Klarer Punkt für die 1,40.

Ansonsten spricht in dieser bösen, individualistischen Welt doch einiges für eine Variante ein, zwei oder drei Nummern größer. Starten wir dort, wo die meisten Beziehungen anfangen: Im (Noch)-Singlebett. Die messen heutzutage mindestens 80x200 Zentimeter. Schmäler sind nur Kinderbetten oder Campingpritschen.

80 plus 80 ist gleich 160: Diese Breite wird in einschlägigen Expertenkreisen (also von Matrazen- und Bettenherstellern) auch als Mindestmaß für ein Doppelbett empfohlen. Wer sich für die 1,40-Engzusammenrück-Variante entscheidet, gibt sich und dem Partner jeweils nur karge 70 Zentimeter. Kuschelig für ein Wochenende in der eingeschneiten saukalten Berghütte - beim inzwischen klassischen 37-Grad-Sommer vielleicht ein bisschen viel Hautkontakt.

Irgendwann entscheiden sich erfahrungsgemäß die meisten Paare, die Beziehung ein bisschen breiter anzulegen: Man verbringt nicht mehr zwanghaft jede freie Minute miteinander. Man traut sich zu sagen, dass man das Lieblingsessen des Liebsten vielleicht doch nicht so toll findet wie in den ersten Monaten vorgeheuchelt. Und, ja, man darf sich auch dafür entscheiden, beim Schlafen ein bisschen Luft nach rechts und links haben zu wollen.

Wenn es vorher schon gekriselt hat, kann das Abrücken den Riss vielleicht vergrößern. Ansonsten, das finden wir, kann der Wunsch nach ein bisschen mehr Freiraum zwischen den Laken auch etwas ganz anderes bedeuten. Die Zeit des großen Verliebtseins ist vorbei. Und etwas Neues, Superspannendes beginnt: Die gemeinsame Zukunft auf einsachtzig mal zwei Metern.

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