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#regrettingmotherhood: Einmal Leben bitte, aber ganz anders

Hätte, wäre, könnte

Wenn sie sich noch einmal entscheiden könnte, würde sie sich gegen Kinder entscheiden - darf eine Mutter so etwas sagen? In einer aktuellen Studie erklären 23 Frauen, dass sie es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Und haben damit eine heftige Diskussion im Netz entfacht. Über das Glück oder Unglück des Mutterseins. Ob man so etwas als Mutter sagen darf. Wenn man mich fragt, klar darf man das. Man darf auch sagen, dass man es bereut, diesen einen Mann geheiratet oder das Studium abgebrochen zu haben. Für mich ist die Frage eher: Wozu?

#regrettingmotherhood: Einmal Leben bitte, aber ganz anders

Von Alexandra Diemair

Im Netz findet seit Tagen eine hitzige Debatte statt. In zahlreichen Blogs, Kommentaren und auf Twitter unter dem Hashtag #regrettingmotherhood wird über die Aussagen von 23 israelischen Müttern diskutiert, die von sich sagen, dass sie es bereuen, Kinder bekommen zu haben. „Wenn ich heute zurückgehen könnte, hätte ich natürlich keine Kinder.“ „Wenn ich den Einblick und die Erfahrung von heute damals schon gehabt hätte, hätte ich nicht mal ein Viertel eines Kindes bekommen.“

Die israelische Forscherin Orna Donath hat die Frauen anlässlich einer Studie mit dem Titel ‚Das Muttersein bereuen: Eine gesellschaftspolitische Analyse‘ befragt. Und ihnen eine einzige Frage gestellt: "Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?" Und die Frauen kommen alle zu dem Schluss: Nein. Ich bereue es, Kinder bekommen zu haben. Ohne Kinder wäre mein Leben besser gewesen.

Bereuen heißt in diesem Fall, eine Entscheidung rückgängig, ungeschehen machen zu wollen, in der Annahme, dass es ohne sie besser sei. Das Leben. Man kann bereuen, einen bestimmten Beruf ergriffen zu haben, einen Partner geheiratet oder eine schlechte Party besucht zu haben. Und man geht immer davon aus, dass das Leben, die Umstände oder die Situation besser wären ohne diese Entscheidung. Ein Leben im Konjunktiv. Hätte, wäre, könnte. Und bitte immer mit Happy End.

Jeder träumt davon, ein zweites Leben in der Tasche zu haben

Ich glaube, jeder kennt ihn, diesen Wunsch, ein zweites Leben in der Tasche zu haben. Jeder fragt sich irgendwann in seinem Leben einmal, wie es wohl gewesen wäre, wenn man sich anders entschieden hätte. Wenn man links statt rechts gegangen wäre. Wo man dann jetzt wohl stünde.

Und ja, natürlich habe ich mich auch schon gefragt, wie es wohl wäre, keine Kinder zu haben. Wenn ich mich damals anders entschieden hätte. Ich, beziehungsweise mein Körper, denn eine wirklich bewusste Entscheidung war zumindest meine erste Schwangerschaft nicht. Wäre ich glücklicher? Entspannter? Freier? Es gibt viele, viele Stunden und Minuten in meinem Leben, da würde ich an dieser Stelle laut und voller Inbrunst „Ja“ schreien! Ja! Ich würde lange schlafen, in den Urlaub fahren, wann ich Lust habe, könnte Jobs annehmen, die mich interessieren und all mein Geld in Kleider, interessante Beautytiegel und Kurztrips in aufregende internationale Metropolen stecken, statt in Schulbücher, Gummistiefel oder die nächste Klassenfahrt nach Bedburg.

Ich würde voller Elan meinen vernünftigen, durchgetakteten Alltag, die Einschränkungen, Freiheitsbeschneidungen und das gesunde Abendessen hinschmeißen und diesem anderen Leben entgegenlaufen, in dem mein anderes Selbst (vielleicht das echte, richtige) wartet. Ja, es gibt Momente, in denen ich es bereue, Mutter geworden zu sein. Weil mir alles zu viel wird. Mir mein Leben über den Kopf wächst. Ich mich klein und unfähig fühle und sicher bin, dass meine Kinder zu emotionalen Wracks heranwachsen, weil sie leider das Pech haben, eine völlig desorganisierte, emotional instabile, tendenziell freiheitsliebende Mutter abbekommen zu haben.

Ich könnte jetzt natürlich an dieser Stelle mit den anderen Momenten anfangen: Denen, in denen kleine Kinderärmchen sich um den Mutterhals schlingen und sagen ‚Mama ich hab dich so lieb‘. Von dem unbändigen Stolz und Glück, wenn das eigene Kind oben auf einer Bühne steht und mit hochroten Backen zu irgendeiner kruden Musik seltsame Tänze aufführt und man vor Rührung zergeht. Von den Momenten, in denen man mit seiner plötzlich größer gewordenen Tochter Gespräche führt und einen eigenständigen Menschen entdeckt, wunderbar, selbstständig, für den man unendlich viel Liebe fühlt. Und wie unfassbar stolz man ist, an diesem Wunder beteiligt gewesen zu sein. Von all diesen verrückten, lustigen, liebevollen und glücklichen Momenten, die ich mit meinen Kindern habe.

Aber eigentlich ist das für mich gar mich die zentrale Frage. Die Frage, die sich mir im Zusammenhang mit den Aussagen dieser Mütter stellt ist, ist doch eher diese: Werde oder vielmehr BIN ich glücklich und zufrieden mit meinem Leben? Und mit meinen (Lebens)-Entscheidungen? Vielleicht nicht immer. Aber eine möglichst große Anzahl von Stunden. Denn das ist es doch, wonach wir uns sehnen. Zurück blicken zu können und zu sagen "Es war gut. Ich hatte ein gutes Leben. Auch wenn ich manchmal falsch gehandelt habe. Unsinnig entschieden habe. An kleineren oder größeren Abzweigungen falsch abgebogen bin. Im Großen und Ganzen war es gut. Ich bin mit mir im Reinen. Und mit dem Leben auch".

Kinder sind nicht dazu da, uns glücklich zu machen oder zu einem besseren Leben zu verhelfen. Nur wir selbst können das. Im besten Fall. Zumindest müssen wir es immer und immer wieder versuchen. Denn das Leben ist ja nun, wie wir alle wissen, kein Wunschkonzert, das uns unter allen Optionen immer die besten raussucht. Es gibt Brüche, Kehrtwendungen, Fehlentscheidungen, Schicksalsschläge, Krankheiten. Dinge, die wir beeinflussen können und viele, viele Dinge, die wir annehmen müssen, so wie sie sind. Akzeptieren. Wir können immer nur vorwärts gehen. Niemals zurück. Und wir werden niemals, in keiner Situation, egal ob es die Partnerwahl, die Entscheidung Kinder zu bekommen oder die Wahl für das eine oder andere Lokal ist, wissen, was passiert wäre, wenn wir uns anders entschieden hätten.

Meine Kinder sind da. Sie machen mir glückliche Momente. Und sie machen mir unglückliche Momente. Manchmal könnte ich sie vor Liebe auffressen und manchmal möchte ich sie auf den Mond schießen und mit Rockgitarre auf dem Motorrad gen Morgengrauen rasen. Die Frage ist, ob ich da glücklicher wäre. Ich werde es niemals herausfinden. Also bleibe ich einfach hier.

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