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Rechtschreibung: Warum können Schüler kaum lesen und schreiben?

Warum werden Schüler zu Rechtschreib-Chaoten?
Falsche Rechtschreibung ist an Schulen gang und gäbe © deutsche presse agentur

Falsche Rechtschreibung: Mit Kindern üben?

Ein Satz mit X: Das war wohl nix! Obwohl die Grundschüler fleißig üben, beherrschen nur einige die fehlerfreie Rechtschreibung. Warum werden Kinder zu Rechtschreib-Chaoten? Was machen die Lehrer in den Grundschulen falsch?

Von Jutta Rogge-Strang

Lilly, die Tochter meiner Nachbarn, schreibt sehr gerne und auch viel. Bis ins letzte Detail verstehen kann man ihre Texte aber nicht: Nur wenn man sie laut liest, erschließen sich alle Worte. Aber leider ist sie schon 13 Jahre alt und aus dem Grundschulalter längst raus!

Wie gut lernen unsere Kinder heutzutage Lesen und Schreiben? Also die Basis für ihr späteres Leben, denn Lesen und Schreiben werden sie ein Leben lang. Kommt ganz auf die Schulform an, sagen die einen: Ob Waldorf, Montessori oder klassische Schule, macht schon einen Unterschied. Wer allerdings glaubt, auf einer ganz normalen staatlichen Grundschule würde den Kindern das korrekte Schreiben beigebracht, muss sich ganz warm anziehen. Nach vielen Jahren Unterricht schafft es Lilly nicht, einen einzigen fehlerfreien Satz zu schreiben – obwohl sie es gerne möchte und viel übt!

Oft hat Lillys Mutter mit der Grundschullehrerin über die Fehler gesprochen: „Nein, das ist völlig ok, die richtige Rechtschreibung kommt irgendwann automatisch!“ Also hat meine Nachbarin eben nicht zuhause geübt, hat das Rechtschreib-Chaos erduldet und darauf gehofft, dass die Lehrer schon wissen, was sie tun. Hat den didaktischen Kompetenzen vertraut und nicht auf ihr Bauchgefühl gehört. Tja. Und das war ein Fehler.

Nun ist das Kind bereits lange in den Brunnen gefallen. Denn die falschen Buchstaben-Kombinationen haben sich längst eingeprägt und verfestigt. Jetzt soll meine Nachbarin (eine Privatperson, ohne Lehramtsstudium und didaktische Kenntnisse) den ganzen Mist wieder ausbügeln, den die Lehrer jahrelang auf ihre Tochter abgeschossen haben. Wo soll sie denn da anfangen? Bei Affe mit zwei 'f' und Butter mit 'er'?

Meine Nachbarin ist stinksauer. Ich kann das gut verstehen: Ich finde Reformpädagogik auch gut, Frontalunterricht war gestern, neue Inhalte müssen her und spannend vermittelt werden. Aber die klassischen Kulturfertigkeiten – Lesen und Schreiben – muss man doch auch lernen dürfen! Und da die deutsche Sprache, anders als zum Beispiel Italienisch oder Englisch, noch ein paar kniffelige Feinheiten aufweist, geht das meiner Meinung nach nur mit Üben. Und zwar Üben der korrekten Schreibweise. Und das jahrelang, immer wieder.

Rechtschreibung kann zum großen Problem werden

Kinder vom Lern-Druck befreien, darüber haben sich schon viele den Kopf zerbrochen. Und wer hat es erfunden? Die Methode 'Lesen durch Schreiben' hat sich der Schweizer Grundschullehrer Jürgen Reichen (1939 – 2009) ausgedacht, der mit der Anlaut-Tabelle („G wie Gabel“) gearbeitet hat. Auf diesem Konzept basieren auch die Tinto-Hefte, die ABC-Lernwerkstatt oder Konfetti. Im Übrigen alles Bücher und Hefte, die Lilly fleißig bearbeitet hat.

Ebenfalls Anhänger dieser Lernmethode ist Hans Brügelmann, mittlerweile pensionierter Professor für Grundschulpädagogik. Er hat in den 80er Jahren die Reform des Lese- und Schreibunterrichts an den Grundschulen nachhaltig beeinflusst, unter anderem mit seinen Büchern, in denen er sich für eigenständige Zugänge der Kinder zum Lesen und Schreiben und eine stärkere Fehlertoleranz eingesetzt hat.

Mittlerweile haben Untersuchungen bewiesen, dass die Zahl der Kinder, die eine korrekte Rechtschreibung beherrschen, immer mehr abnimmt. Besonders problematisch ist diese Lernmethode zum einen für Kinder mit einer angeborenen Rechtschreibschwäche: Die wird erst gar nicht erkannt. Zum zweiten haben Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen größte Probleme, erst recht, wenn beide Faktoren zusammenkommen.

Was heißt das jetzt für Lilly? Soll sie jetzt stumpfe Rechtschreibung üben, nachdem dies jahrelang in der Schule versäumt wurde? Irgendetwas muss passieren: Denn wer stellt später schon eine Arbeitskraft ein, die nicht richtig schreiben kann? Beim Surfen im Internet kommt sie auch nicht mehr weiter. Für Lilly dramatisch!

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