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Rauchverbot für Geburtsjahrgänge nach 2014: Ist Russlands Anti-Tabak-Gesetz eine geeignete Präventionsmaßnahme?

Das passiert im Körper, wenn Sie das Rauchen aufgeben
Das passiert im Körper, wenn Sie das Rauchen aufgeben Erste Effekte sind schon nach 20 Minuten spürbar 00:02:10
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Geplantes Verbot soll Jugendliche schützen

Russland will seinen Bürgern das Rauchen komplett verbieten. Gut. Nicht allen, aber zumindest allen, die nach 2014 geboren sind. Die Idee hinter dieser Idee ist recht einfach: Warum sollen wir uns mit irgendwelchen Entzugs-Programmen rumplagen? Verhindern wir doch lieber, dass überhaupt noch Leute abhängig werden! Wer gar nicht erst anfängt zu rauchen, kann später auch nicht an einer Raucherlunge sterben. Klingt logisch.

Von Ursula Willimsky

Nach diesem Plan gäbe es in den ersten 18 Lebensjahren keinen großen Unterschied zwischen Tabak-Beschaffungs-Versuchen von jungen Russinnen und jungen Deutschen. Wenn sie sich Kippen besorgen wollen, ist das nicht nur doof, sondern auch verboten. Wer ihnen trotzdem ein Päckchen verkauft, muss damit rechnen, bestraft zu werden.

Die Schere öffnet sich erst mit der Volljährigkeit: Plötzlich dürfen die jungen Deutschen sich in jedem Supermarkt, an jeder Tankstelle und an jedem Automaten Zigaretten kaufen. Sie können sich ganz legal in die Reihe der Deutschen stellen, aus der der Tod sich jedes Jahr 121.000 Menschen herauspickt und an den Folgen des Rauchen sterben lässt.

In Russland würde für die Jahrgänge ab 2014 das Rauchen auch in gesetzterem Alter verboten bleiben. Im Moment ist das alles nur eine Idee, ins Rennen geworfen vom russischen Gesundheitsministerium. Laut 'Stern' arbeitet das Ministerium an einer Langzeit-Strategie, die nicht nur auf einen rauchfreien Nachwuchs zielt, sondern auch den Älteren das Rauchen abgewöhnen will. Im Gespräch: Keine Kippen im Öffentlichen Verkehr, in Autos, in denen auch Kinder sitzen – und Raucherpausen müssen nachgearbeitet werden.

Ob das alles etwas bringt? In Deutschland hat ja das ein oder andere Nicht-Rauchergesetz für heftige Diskussionen gesorgt. Kneipensterben! Ich lass mir doch nicht vom Staat vorschreiben, wie ich mich in meiner Freizeit verhalte! Gesundheits-Terroristen! Und so weiter und so fort. Und heute? Ich kenne viele Raucher - aber kaum einer von ihnen geht freiwillig in eine Raucherkneipe, weil man sich dann abends noch die Haare waschen muss und die Jacke ewig lang furchtbar müffelt.

Einiges hat sich geändert: Gelästert wird nicht mehr über die überspannte Zicke, die sich darüber aufregt, dass im Büro geraucht wird, sondern über den rücksichtslosen Typ, der nach der Pause immer eingenebelt in eine Wolke aus kaltem Rauch an seinen Schreibtisch zurückkehrt. Gesetz und Mensch haben hübsch zusammengearbeitet.


Rauchen ist für Teenager immer unattraktiver

Laut 'Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen' wurde 2015 zwar etwas mehr (2,24 Prozent) Tabak verqualmt als im Vorjahr – aber das von immer weniger Leuten. Und die Jugendlichen lassen ohnehin immer öfter die Finger vom Glimmstängel: Nur elf Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungs griffen zur Zigarette, bei den Mädchen sogar nur neun Prozent. So kleine Zahlen hatte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung noch nie in ihrer Geschichte zu diesem Thema gesammelt. (Dafür hat inzwischen schon jeder fünfte Jugendliche zumindest einmal an einer E-Shisha gezogen. Und über deren Auswirkungen auf die Gesundheit wird ja ebenfalls heftig diskutiert.)

Auch Alkoholmissbrauch geht zurück – aber immer noch gibt es rund 74.000 Todesfällen pro Jahr, die „alkoholbezogen“ sind, wie es in der offiziellen Sprechweise so schlimm heißt. Vielleicht kann der russische Weg ja ein Weg sein, der es Kindern erspart, später an einer alkohol- oder nikotinbezogenen Krankheit zu sterben?

Es ist ja schon ein bisschen bizarr: Alle Welt  - vielleicht mit Ausnahme von Menschen, die in der PR-Abteilung  der Tabakindustrie arbeiten – warnt vor den Folgen des Rauchens. Und trotzdem kann man an keiner Supermarktkasse seinen Joghurt bezahlen, ohne in Versuchung gebracht zu werden. Die Zigarettenautomaten sind das letzte vor der Kasse, gleich neben dem Ständer mit den Mini-Schnapsflaschen. Sehr verführerisch.  Trotz Schockbildern und hoher Preise: Eine Schachtel kostet inzwischen so viel wie sechs Tafeln Schokolade.

Anders als gerne behauptet, verdient der Staat aber nicht unbedingt an den legalen Lieblingsdrogen Alkohol und Nikotin. Laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen kostet die Behandlung all der Alkoholabhängigen oder – vergifteten jährlich rund 40 Milliarden Euro. An Steuern nimmt der Staat aber nur rund 3 Milliarden ein. Ähnlich beim Nikotin. Behandlung der gesundheitlichen Folgen: Rund 79 Milliarden. Steuereinnahmen: Rund 15 Milliarden.

Schlaue Menschen könnten jetzt garantiert noch Löhne, Gehälter, Anteile am Bruttoinlandsprodukt und was auch immer mit in die Rechnung aufnehmen und zu dem Ergebnis kommen, dass die Rechnung doch positiv aufgeht. Wir lassen es mal ganz polemisch bei dieser negativen Bilanz.

Dann haben wir nämlich noch Platz für einen weiteren wichtigen Punkt: Die Frage, ob der Staat sich überhaupt per Gesetz in die persönliche Lebensführung einmischen darf. Hm. Schwierig. Wenn er Kinder vor Qualm schützt, haben wahrscheinlich nur die wenigsten etwas dagegen. Und wenn er Zigarettenrauch ganz verbieten will? Ist da nicht der Punkt erreicht, wo´s ganz privat wird und jede selber wissen muss, was sie tut oder bessern bleiben lässt?

Andererseits: Ein bisschen Sorgfaltspflicht von Vater Staat, ein Hauch Arbeit an dem, was momentan ganz normal erscheint, es aber vielleicht gar nicht ist, … so etwas schadet Gesellschaften und jeder einzelnen von uns doch nie … und wer´s nicht glaubt: Einfach mal eine TV-Show aus den 70er-Jahren anschauen, bei der die Experten fröhlich plaudern und eine nach der anderen rauchen. Das ist seeehr befremdlich.

Vielleicht ergeht es in ein paar Jahrzehnten unseren Enkeln genauso, wenn sie einen Stapel Fotos von uns durchblättern. „Wow?! Schau mal, Oma war voll auf Zigaretten! Die hat ganz offen diesen Giftmix geraucht - und keiner hat die Polizei gerufen, um sie zu schützen!“


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Abnehmfehler: Das müssen Sie ändern! Vor allem morgens 00:01:12
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