Radioaktive Strahlung: Alle Fakten zu Radioaktivität

So gefährlich ist radioaktive Strahlung wirklich
Strahlenexperte Dr. Karl-Oskar Zell vom Institut für Kernphysik der Uni Köln geantwortet Fragen rund um radioaktive Strahlung.

Was wir in Deutschland beachten müssen!

Mit der Fukushima-Katastrophe in Japan wächst auch bei uns in Deutschland die Sorge: Inwiefern sind wir von der Radioaktivität betroffen, was müssen wir beachten? Auf zahlreiche Fragen unserer User hat der Strahlenexperte Dr. Karl-Oskar Zell vom Institut für Kernphysik der Uni Köln geantwortet.

Wie lange dauert es, bis sich die Auswirkungen der Kernschmelze in der Natur zeigen?

Dr. Zell: Das kommt darauf an, wo die radioaktiven Stoffe hin gelangen. Wenn die Schmelze nur in den Boden sinkt, kann dies lange dauern. Werden aber z.B. Pflanzen in der Nähe des Reaktors hohen Dosen ausgesetzt, wird man dies spätestens in ein paar Wochen merken.

Kann die Radioaktivität nach Deutschland gelangen?

Dr. Zell: Es kann sein, dass wir nach mehreren Monaten Spuren finden. Eine merkliche Erhöhung gegenüber der natürlichen Strahlung erwarte ich aber nicht.

Um welche Art radioaktiver Strahlung handelt es sich eigentlich, Alpha, Beta oder Gamma?

Dr. Zell: Es wird aus einem Reaktor in großen Mengen Cs-137 Beta- und Gammastrahler und Jod-131 hauptsächlich von Betastrahlern freigesetzt. Zum Glück hat Plutonium (Alphastrahler und etwa 20-mal gefährlicher als die anderen beiden Strahlungen) einen Siedepunkt über 3200 Grad Celsius und wird daher höchsten in sehr kleinen Mengen in die Luft übergehen.

Wenn die Wolke auf das Meer hinauszieht kommen die schädlichen Stoffe dann nicht wieder über das Wasser an Land zurück?

Dr. Zell: Nein, wenn Wasser verdampft, ist es hoch rein. In flüssiger Form kann es natürlich die Küsten in der unmittelbaren Umgebung verseuchen, weiter weg wird aber die Verdünnung so groß sein, dass es ungefährlich ist.

Wie funktioniert ein Geigerzähler?

Dr. Zell: Der Geigerzähler ist mit einem Gas gefüllt, in dem die einfallende Strahlung Ionen erzeugt und eine elektrische Entladung auslöst. Verstärkt man den entstehenden elektrischen Impuls, kann man im Lautsprecher einen Klick hören oder die Impulse mit einer Elektronik zählen. Die Anzahl der Impulse ist ein unmittelbares Maß für die Strahlendosis.

Was passiert bei der Kernschmelze und was ist das Ergebnis?

Dr. Zell: Auch bei einem abgeschalteten Reaktor gibt es noch angeregte radioaktive Kerne, die bei ihrem Zerfall Energie freisetzen. Kühlt man nicht, können so hohe Temperaturen erreicht werden, dass die inneren Strukturen schmelzen (Stahl z.B. bei 1500 Grad). Da damit auch die Hülle des Reaktors zerstört werden kann, können dadurch alle durch Kernspaltung erzeugten radioaktiven Kerne freigesetzt werden.

Strahlung um Faktor 1,7 Millionen erhöht

Wie hoch kann die Strahlung maximal werden?

Dr. Zell: Dazu muss man den Ort nennen und den Transport der Stoffe in entfernten Gebieten kennen. Unmittelbar neben dem Reaktor wurden offenbar 400 Millisievert pro Stunde gemessen. Die natürliche Strahlung beträgt 2 Millisievert pro Jahr. Der gemessene Wert ist also rund 1,7 Millionen mal höher.

Was bedeutet das, wenn Menschen `dekontaminiert` werden?

Dr. Zell: Dekontamination bedeutet, dass man radioaktive Partikel entfernt. Dies geht bei Kleidung ganz leicht, von der Haut schon schlechter, aus dem Körperinneren hat man nur kleine Chancen.

Wird in Fukushima Ähnliches passieren wie damals in Tschernobyl?

Dr. Zell: Tschernobyl war mit Graphit moderiert, das sehr gut brannte und über die Qualmwolken große Mengen von Radioaktivität frei setzte. In Fukushima gibt es keinen Kohlenstoff, da der Reaktor mit Wasser moderiert wurde. Daher erwarte ich, dass die Menge der freigesetzten Radioaktivität wesentlich kleiner sein wird.

Hat die Strahlung Auswirkungen auf Lebensmittel oder andere importierten Gegenstände?

Dr. Zell: Strahlung hat die Eigenschaft, leicht messbar zu sein. Man sollte also importierte Waren ausmessen. Ich persönlich hätte zunächst nur Bedenken, importierten Fisch zu essen.

Warum werden die Brennstäbe nicht einfach ausgeschaltet, um eine Kernschmelze zu vermeiden?

Dr. Zell: Der Reaktor wurde bereits automatisch ausgeschaltet. Die durch Spaltung entstandenen neuen Atomkerne sind aber noch großenteils in angeregten Zuständen, die Tage, aber teilweise auch Jahre brauchen, um sich abzuregen. Daher machen sogar die ausgebrannten Brennstäbe im Abklingbecken aufgrund mangelnder Kühlung jetzt noch Probleme.

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