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Psychische Erkrankungen bei Kindern: Woran Sie erkennen, dass Ihr Kind verhaltensauffällig ist

'Etwa 20 Prozent aller Kinder weisen Verhaltensauffälligkeiten auf'

„Eltern zu sein ist ohnehin eine große Aufgabe. Wir sollten nicht zulassen, dass falsche Scham uns daran hindert, für unsere Kinder Hilfe zu suchen, wenn sie sie brauchen. Mein Mann William und ich würden nicht zögern.“ Dieser Satz stammt von Kate Middleton. Die Herzogin ist Partnerin einer Kampagne, die Eltern dazu ermutigen will, sich aktiv Unterstützung zu suchen, falls ihre Kinder unter psychischen oder seelischen Problemen leiden. Doch woran merke ich überhaupt, dass mit meinem Kind „etwas nicht stimmt“? Wir haben bei der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) nachgefragt.

Psychische Erkrankungen bei Kindern: Woran Sie erkennen, dass Ihr Kind verhaltensauffällig ist

Von Ursula Willimsky

Die Fachgesellschaft rät zu einem achtsamen Umgang mit den eigenen Kindern – und zum offenen Gespräch: „Pauschal lässt sich nicht beantworten, was typische Alarmsignale sind. Dies ist vom jeweiligen Kind und der jeweiligen Störung abhängig. Plötzlich auftretende Schwierigkeiten in Schule, Familie, und/oder sozialem Umfeld können ein Anhaltspunkt sein. Wenn Eltern Verhaltensauffälligkeiten wahrnehmen, sollten sie ihr Kind darauf ansprechen.“

Probleme gehören dazu. Es gibt keine Kinder, die während ihrer gesamten Entwicklung völlig „normal“ und unauffällig bleiben. Bei psychischen Problemen verhält es sich ähnlich wie beim Übergewicht oder bei Bluthochdruck, sagt dazu der Wiesbadener Kinder- und Jugendpsychiater Nawid Peseschkian. Die Übergänge seien fließend. „Wie sehr ein Verhalten als problematisch erlebt wird, das hängt von dem Ausmaß, der Heftigkeit oder von der Häufigkeit ab, mit der das Problem auftritt. Es hängt auch von dem Grad ab, in dem das Kind, der Jugendliche oder seine Bezugspersonen unter der Problematik leiden und in dem die Entwicklungsmöglichkeit des Kindes oder Jugendlichen durch die Probleme eingeschränkt werden“, formuliert er es in einem Fachvortrag.

Ein möglicher zweiter Schritt nach dem Gespräch mit dem Kind: Der Arztbesuch. Dazu die DGKJP: „Generell gilt: Lieber zu früh als zu spät mit einem Kind bei einem Arzt vorstellig werden. Ein Kinderarzt kann hier erster Ansprechpartner sein.“ Dieser Termin ersetze allerdings nicht den Gang zum Spezialisten für psychische Erkrankungen, also einen Facharzt oder eine Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Egal, ob man selbst am Kind Verhaltensweisen beobachtet hat, die einen beunruhigen, oder der erste Impuls, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen, von einem besorgten Lehrer, einer Erzieherin oder dem sozialen Umfeld kam: All diese Maßnahmen sind vieles - aber auf keinen Fall das Eingeständnis, als Eltern versagt zu haben oder ein Grund, sich zu schämen, weil man sich an einen Psychiater wenden muss. Zumal man mit dieser Problematik nicht allein ist. In Deutschland weisen laut KIGGS Survey des Robert Koch Instituts etwa zwanzig Prozent aller Kinder und Jugendlichen Verhaltensauffälligkeiten auf, mithin jedes fünfte Kind und jeder fünfte Jugendliche.

Ein wichtiger Faktor spricht dafür, diesen Kindern früh aktiv zu helfen, betont die Fachgesellschaft: „Viele psychische Erkrankungen sind mittlerweile gut behandelbar, der Leidensdruck für die betroffenen Kinder und Jugendlichen kann erheblich gesenkt werden.“

In eine ähnliche Richtung zielt Kate Middleton, die sich zum Start der Huffington-Post-Kampagne intensiv mit Experten und Vertretern von Hilfsorganisationen austauschte. Wie wichtig es ist, dass Eltern aktiv werden, habe sie erst begriffen, als sie in ihrer neuen Funktion als Herzogin mit zahlreichen karitativen Organisationen und Betroffenen über Themen wie Sucht, das Zerbrechen von Familien oder gefährdete Kinder sprach: „Wie ich erwartet hatte, hörte ich viele herzzerreißende Geschichten insbesondere über Kinder. Schicksale, die oft verheerende Auswirkungen für alle Beteiligten hatten. Was ich nicht erwartet hatte: Immer und immer wieder hörte ich, dass die Umstände, die Menschen in die Sucht oder in destruktives Verhalten treiben, ihren Ursprung in ungelösten Problemen der eigenen Kindheit hatten.“ Die Botschaft, die Kate senden will, scheint klar: Helft den Kindern jetzt, damit sie die Chance haben, zu unbeschwerten Erwachsenen heranzuwachsen.

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