Proteste in Argentinien: Tausende Frauen rebellieren gegen Machos und Gewalt

In Argentinien demonstrieren Tausende gegen die Gewalt an Frauen.
Sie kämpfen für Opfer von Gewalt - Vergewaltigung, Missbrauch und Mord an Frauen ist in Argentinien keine Seltenheit.

Nicht eine Weniger

"Ni una menos“, nicht eine weniger, lautet das Motto der Frauen, die gerade in Argentinien auf die Barrikaden gehen. In ihrem Land wird statistisch gesehen alle 30 Stunden eine Frau von einem Mann ermordet. Das jüngste Opfer, Lucía Pérez, war 16 Jahre alt. Die Täter setzten sie unter Drogen und vergewaltigten sie so brutal, dass sie an ihren inneren Verletzungen starb. Die Demonstrantinnen, die am Mittwoch zu tausenden durch Buenos Aires marschierten, fordern, dass der Staat mehr gegen die Gewalt unternimmt. Und dass der Machismo an seinen Wurzeln bekämpft wird. 

Von Christiane Mitatselis

"Es war einfach grauenhaft, unmenschlich“

In Buenos Aires ist zwar Frühling, es regnet aber viel, nur zwölf Grad werden gemessen. Der Kälte trotzend, mischte sich am Mittwoch ein junger Mann mit fast nacktem Oberkörper unter die vielen tausend Demonstrantinnen, die durch die Innenstadt der argentinischen Hauptstadt zogen. Er trug ein Schild auf dem, er (auf Spanisch) mitteilte: "Ich bin halbnackt, umgeben vom anderen Geschlecht. Und ich fühle mich geschützt, nicht eingeschüchtert. Ich will das Gleiche für sie (die Frauen).“ Das Foto wurde bei Twitter unter dem Hashtag #niunamenos gepostet – und mit viel Beifall bedacht.

Von einer Welt, in der sich Frauen, jederzeit ohne Angst bewegen können, sind nicht nur die Argentinierinnen weit entfernt. In dem Macho-Paradies am Río de la Plata manifestiert sich die Gewalt gegen Frauen aber oft auf besonders grässliche Art. Unter Tränen berichtete der Vater der ermordeten Lucía Pérez im TV-Interview, dass sie seine Tochter fürchterlich zugerichtet hätten. „Es war einfach grauenhaft, unmenschlich“, sagte er. Es gibt viel weitere grausige Geschichten – zum Beispiel die einer 16-Jährigen, die von ihrem Freund erstochen wurde, da sie nicht abtreiben wollte.

Argentinierinnen fordern, dass der Staat härter gegen die Täter vorgeht

Lucia Perez ist gerade erst 16 Jahre alt, als sie von Drogendealern vergewaltigt wird.
Die 16-jährige Lucia Perez wurde von Drogendealern so brutal vergewaltigt, dass sie anschließend an inneren Blutungen starb.

Die Argentinierinnen fordern, dass der Staat härter gegen die Täter vorgehe, bestehende Gesetze konsequenter anwende. Und dass die Macho-Kultur durch eine andere Erziehung bekämpft werden soll  – und zwar auch von den Frauen selbst. Die Tageszeitung 'Clarín' zitiert treffende Worte einer Demonstrantin: "Wir Frauen ziehen unsere Söhne groß, auch die Machos. Es wird dauern, aber wir müssen vieles ändern.“


Es ist bewundernswert, was sie in Argentinien auf die Beine stellen. Hierzulande regt sich leider selten Widerstand – und dabei gäbe es genügend Anlässe, auch bei uns lebt der Machismo. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass laut Statistiken des BKA knapp die Hälfte aller Frauenmorde Beziehungstaten sind. Täter sind meist Ex-Männer oder -Freunde. Eine andere Statistik zeigt, dass 40 Prozent der Frauen in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Eine Frau kann nicht einmal abends allein durch eine Stadt, zum Beispiel Köln, joggen, ohne pro Lauf mindestens einmal blöd von Männern angemacht zu werden (das ist ein persönlicher empirischer Wert).


Oder anders ausgedrückt: Von der Gleichberechtigung, die der geniale Demonstrant in Buenos Aires reklamiert, sind Frauen in Deutschland ebenfalls Lichtjahre entfernt. Nur bewegt sich hier nichts.

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