Protest in der Türkei: Frauen kämpfen gegen Erdogan

Protest in der Türkei: Frauen kämpfen gegen Erdogan
© REUTERS, OSMAN ORSAL

Darum ist der Protest in der Türkei für Frauen wichtig

Auffällig viele junge Frauen beteiligen sich an den Protesten in der Türkei gegen die Politik des Regierungschefs Tayyip Erdogan. Sie haben sich in den vergangenen Jahren viel erkämpft – und somit auch viel zu verlieren. Ihr Mut und ihr Einsatz sind bewunderns- und nachahmenswert.

Von Christiane Mitatselis

Wer einmal in Istanbul war und vorher glaubte, die Türkei sei ein Land, in dem Frauen nichts zu melden haben und grundsätzlich verschleiert herum laufen, wird sich die Augen reiben. In der faszinierenden Stadt am Bosporus sieht man selbstbewusste Frauen, die anziehen, was sie wollen, die kurze Röcke oder enge Jeans tragen, die sich schminken, die berufstätig sind; kurzum: Frauen, die auch in Rom, Paris oder Madrid leben könnten.

Man sieht dort ebenso voll verschleierte Frauen, die hinter ihren Männern gehen. Und Frauen, die Kopftuch tragen. Die Türkei ist ein vielschichtiges Land, dessen Facetten sich in Istanbul widerspiegeln.

Unter den Demonstranten gegen die Politik des Regierungschefs Erdogan sind in diesen Tagen auffällig viele der modern gekleideten, jungen Frauen zu finden. Und das ist verständlich, sie müssen um ihre hart erkämpften Freiheiten fürchten. Erdogan vertritt ein patriarchales Frauenbild, und er will seine erzkonservativen Ansichten offenbar zur Norm erheben. So sollen Abtreibungen nur noch bis zur vierten oder fünften Schwangerschaftswoche erlaubt sein – so früh wird allerdings kaum eine Schwangerschaft erkannt. Außerdem ist Erdogan gegen Kaiserschnitt-Geburten, da diese Art der Entbindung seiner Ansicht nach das Entstehen von Großfamilien verhindert. In Erdogans Welt sind die Männer die Chefs, Frauen bleiben zu Hause und kümmern sich um die Familie.

Gewalt wird beim Protest in der Türkei auch gegen Frauen ausgeübt

Die Demonstranten in Istanbul brauchen Mut, die türkische Polizei ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, Schlagstöcke, Wasserwerfer oder Tränengas einzusetzen. Mut und Mumm brauchen die türkischen Frauen aber auch schon, um sich in einer Macho-Gesellschaft durchzusetzen und Positionen zu erobern. Sie haben in dem wirtschaftlich boomenden Land in den vergangenen Jahren einiges auf die Beine gestellt. Zwar sind nur 30 Prozent der türkischen Frauen berufstätig (in Deutschland 68 Prozent), dafür sind aber zwölf Prozent der Führungskräfte weiblich (in Deutschland sechs Prozent). Einerseits hat dieser hohe Frauenanteil in gehobenen Posten mit der familiär geprägten Wirtschaft in der Türkei zu tun. Laut „Handelsblatt“ befinden sich viele großen Holdings in Familienhand, die Chefs setzen lieber eine Tochter ein als einen externen Kandidaten.

Andererseits gibt es viele gut ausgebildete türkische Frauen mit großem Kämpferherz. Die meisten haben im Ausland studiert, sie sprechen verschiedene Sprachen fließend und lassen sich nicht unterkriegen. In einem Land, in dem Frauenquote ein Fremdwort ist und niemand fragt, wie eine Frau Familie und Beruf miteinander vereinbaren kann, arbeiten sie doppelt und dreifach hart für den Erfolg. Oder anders ausgedrückt: Sie jammern nicht über Benachteiligung, sie machen einfach und halten sich nicht mit Problemen auf, sondern suchen Lösungen.

Das soll kein Plädoyer gegen die Errungenschaften der Frauenbewegung sein. Es ist gut, dass es die Frauen in Deutschland leichter haben, dass es Elternzeit, Kita-Plätze und in manchen Unternehmen Frauen-Beauftragte gibt. Kampfgeist hat aber noch keiner Frau geschadet, die es zu etwas bringen will. In diesem Sinne taugen die modernen türkischen Frauen als Vorbild. Auch Erdogan wird sie nicht klein kriegen.

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