Prostitution in Deutschland: Dank Legalisierung zum "Bordell Europas"?

Prostitution in Deutschland
Dank Legalisierung zum "Bordell Europas"? © dpa, A3471 Boris Roessler

Prostitution in Deutschland boomt

1,2 Millionen Männer gehen jeden Tag in Deutschland zu einer Prostituierten. Und sie tun es völlig legal: Seit etwa zehn Jahren ist Prostitution hierzulande erlaubt. Gedacht war das Gesetz als Hilfe für die Frauen im Gewerbe: Sie sollten die Möglichkeit bekommen, ausstehende Gelder einzuklagen. Sie sollten eine Krankenversicherung abschließen dürfen. Und Steuern sollten sie natürlich auch zahlen. „Hure“, so die Argumentation der damaligen Regierung, sollte nicht länger ein geächteter Beruf sein, den Frauen sollte der Weg aus dem Milieu erleichtert werden. Ein durchaus auch von feministischen Gedanken geprägter Ansatz. Aber wem hat das Gesetz bis jetzt wirklich genutzt?

Von Ursula Willimsky

Auch in Schweden wurden etwa zur selben Zeit ein neues Prostitutionsgesetz verabschiedet, ebenfalls geprägt von feministischen Gedanken. Nur die Ausrichtung war eine völlig andere: Dort ist Prostitution verboten, bestraft werden alle Beteiligten (auch die Kunden), nur die Frauen nicht. In Schweden sank die Zahl der Frauen, die ihren Körper verkaufen, deutlich. Deutschland dagegen wurde zum „Bordell Europas“, wie es Beobachter sehen.

Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland bis zu 400 000 Prostituierte arbeiten. Und dass nur sehr wenige von ihnen jener Gruppe von Prostituierten angehören, die tatsächlich als selbstbewusste selbstentscheidende Unternehmerinnen ihren Körper vermarkten. Wohl mehr als die Hälfte der Frauen, die in der Branche arbeitet oder arbeiten muss, kommt aus dem Ausland, oft aus ehemaligen Ostblockstaaten. „Migrantische Sexarbeiterinnen“ werden sie unter Sozialwissenschaftlern genannt. Wie freiwillig sie hier ihren Job erledigen, kann - so die Kritiker –kaum kontrolliert werden. Laut „Spiegel“ wurden im Jahr 2000 noch 151 Personen wegen Zuhälterei verurteilt, 2011 waren es nur noch 32. Ihnen muss nachgewiesen werden, dass sie „ausbeuterisch oder dirigistisch“ gehandelt haben. Experten glauben „eine explosionsartige Ausweitung des Menschenhandels“(Spiegel) zu beobachten. Um sie zu beweisen, fehle es aber oft an rechtlichen Mitteln.

In der aufsehenerregenden Dokumentation „Sex made in Germany“ zeigte die ARD, wie es im Lande der legalen Prostitution aussieht: Es gibt sie wohl, die Frauen, die von dem Gesetz profitieren. Doch am meisten profitieren wohl die Männer, die als Unternehmer Online-Börsen oder Bordelle betreiben. Etablissements die zum Beispiel mit legalen „All-incl-Flatrates“ zu Dumpingpreisen werben, sind die Gewinner. Für die Frauen bedeutet das, dass sie oft bis zu 40 Kunden in einer Schicht bedienen müssen. Hier wird das Geld über die Masse gemacht - erste Häuser liebäugeln mit dem Börsengang. In einem Land, in dem jede Imbiss-Bude zig Hygieneauflagen erfüllen muss, reicht für die Eröffnung eines Bordells einfach die Anmeldung. Und im Internet florieren Börsen, in denen Frauen sich versteigern lassen können.

Prostitution in Deutschland = "Bordell Europas"

Und so hat sich, so die Dokumentation, Deutschland zum Ausflugsziel für Männer gewandelt. Touristen aus den Nachbarländern, aber auch aus den USA, Asien oder arabischen Ländern pilgern in den Staat, in dem Prostitution erlaubt ist. Organisierte Puff-Reisen statt Kaffeefahrten werden angeboten. Flensburg statt Thailand. Unvorstellbare 14,5 Milliarden Euro werden nach Schätzungen von Ver.di im Rotlichtgewerbe umgesetzt.

Davon profitiert auch der Staat: Seit Prostitution legal ist, können auch Steuern eingetrieben werden. Von Bordellbetreibern. Und von Huren. Selbst auf vielen Straßenstrichen gibt es inzwischen Automaten für One-Night-Steuertickets, die die Frauen kaufen müssen. Die Freier selbst zahlen keine Steuern – an sie kommen Staat und Städte nicht heran.

In Schweden ist das anders. Dort machen sich die Freier – und die Profiteure – strafbar. Ihnen drohen Geldstrafen, manchmal sogar Gefängnis. Kritiker befürchten, dass durch diese rigorose Politik das Milieu weiter in die Grauzone gedrängt wird. Aber andererseits ist in Schweden die Zahl der Prostituierten und der Freier dramatisch gesunken. Wo der Staat und die Gesellschaft ächtet, dass Männer sich Frauen kaufen, wo es kein Vakuum gibt, in dem Machtspiele legal ausgetragen werden können, fällt es Männern offenbar schwerer, zu einer Prostituierten zu gehen. Während in manchen Straßen Deutschlands kleine Jungen und Mädchen damit aufwachsen müssen, dass die Ware Frau in einem Schaufenster sitzt und sich feilbietet, lernen schwedische Jungen, dass es nicht rechtens ist, eine Frau zu kaufen. Das schwedische „Sexkaufverbot wurde erlassen, um deutlich zu machen, dass Prostitution als Form männlicher Gewalt gegen Frauen verstanden“ wird, formuliert es eine Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Macherinnen der TV-Dokumentation durften auch zu einem Bordellbetreiber mit nach Hause in seine großartige stilvolle Villa ganz im Stile eines reichen Geschäftsmannes. Er zieht seine halbwüchsigen Kinder alleine groß. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dass seine Kinder mal ins Geschäft einsteigen, zeigte er sich aufgeschlossen: Die Söhne dürfen gerne das Unternehmerische übernehmen. Und wenn die Töchter im Puff arbeiten wollten? „Undenkbar. Das wäre ein Schlag“. Immerhin haben sie dank Besuch von Waldorf-Schulen und englischen Internaten alle Chancen. Ganz anders als die Frauen, die am Straßenrand oder im Bordell arbeiten müssen.

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