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Prosopagnosie: Wenn Gesichtsblindheit Menschen gleich aussehen lässt

Wer an Gesichtsblindheit leidet, ist oft verzweifelt.
Prosopagnosie tritt ungefähr so häufig auf wie eine Schreib-Leseschwäche. © Getty Images/iStockphoto, Abel Mitja Varela

Gesichtsblindheit - so häufig wie Schreib-Leseschwäche

Ihr Kollege grüßt Sie einfach nicht zurück – und das jetzt schon zum fünften Mal. Schnell machen Sie sich Ihr eigenes Bild: Er ist unhöflich und total arrogant. Auf die Idee, dass er an Gesichtsblindheit leidet, kommen Sie nicht. Kein Wunder, immerhin ist die Krankheit auch kaum bekannt. Und das, obwohl Millionen Deutsche darunter leiden.

Was ist Prosopagnosie, wie viele Menschen sind betroffen und wie äußert sich die Krankheit?

Prosopagnosie, auch Gesichtsblindheit genannt, ist eine Wahrnehmungsstörung. Menschen, die darunter leiden, können Gesichter nur mit Mühe voneinander unterscheiden. Sie sehen Augen, Nase, Mund und können Gefühle und das Alter abschätzen. Doch ihr Gehirn setzt daraus kein Bild von einer Person zusammen, an die sie sich erinnern könnten. Das bedeutet, dass Betroffene unfähig sind, ihre Mitmenschen am Gesicht zu erkennen.

Für sie sehen Chef, Kollegen, Freunde und Nachbarn erstmal gleich aus. In extremen Fällen können Betroffene nicht einmal ihre eigene Familie identifizieren. Diese Teilleistungsschwäche des Gehirns beschränkt sich aber ausschließlich auf Gesichter. Gegenstände werden mühelos identifiziert, haben Experimente an der Universität Bochum ergeben.

Bis vor einigen Jahren galt die Krankheit als extrem selten. Doch Forschungen, unter anderem vom Wissenschaftler Thomas Grüter - der selbst gesichtsblind ist - , haben gezeigt, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Alleine in Deutschland sind somit gut zwei Millionen Menschen gesichtsblind – damit tritt die Störung ungefähr so häufig auf wie eine Schreib-Leseschwäche.

Ursachen für Gesichtsblindheit und Therapie

Warum erkranken Betroffene?

Es gibt zwei Ursachen, die zur Gesichtsblindheit führen können:

1. Eine Schädigung des Gehirns

Die Gesichtsblindheit kann durch eine Erkrankung wie einen Schlaganfall oder auch durch eine traumatische Verletzung eintreten. Der Grad der Schädigung bestimmt hierbei oft, wie stark die Prosopagnosie ausgeprägt ist.

2. Vererbung

Seit etwa 40 Jahren ist bekannt, dass die meisten Betroffenen von Geburt an an Gesichtsblindheit leiden, da diese vererbbar ist. "Viele Menschen können von Geburt an keine Gesichter erkennen", so Professor Ingo Kennerknecht vom Institut für Humangenetik der Universität Münster. Zu 50 Prozent werde der Gendefekt an die Kinder weitergegeben. Dabei sein Männer und Frauen gleichermaßen betroffen.

Gibt es Therapiemöglichkeiten?

Hoffnung auf Heilung ist leider nicht in Sicht. Die Medizin hat weder das Gen identifiziert, das für die Störung verantwortlich ist, noch kann sie die betroffenen Hirnareale reparieren. Doch mit Hilfe kleiner Tricks und viel Übung können auch Gesichtsblinde ihr Gegenüber erkennen - zum Beispiel an besonderen Merkmalen wie ein ungewöhnlicher Haaransatz, eine Zahnlücke oder ein Grübchen.

Trotzdem empfehlen Experten und Betroffene selbst: Aufklärung ist der beste Weg. Wenn man seinen Mitmenschen erklärt, was los ist, können sie die Probleme besser verstehen und in kniffligen Situationen helfen.

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