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#PrayForParis: Wieso bewegt uns der Terror in Paris mehr als andere Attentate?

#PrayForParis: Wieso bewegt uns der Terror in Paris mehr als andere Attentate?
Menschen zeigen weltweit ihre Anteilnahme an den schrecklichen Geschehnissen in Paris. © picture alliance / ZB, Arno Burgi

Viele zeigen Anteilnahme mit dem Hashtag '#PrayForParis'

Paris. Stadt der Liebe und der Freiheit. Der Freude und des Lichts. Der Gegensätze und des Savoir Vivre. Der Cafés und Museen. Des guten Weines und des hervorragenden Essens. Der Haute Couture und des Parfums. Einer der Orte auf dieser Welt, die für unsere Sehnsüchte stehen – bei vielen auch für schöne Erinnerungen. Die Stadt ist den meisten von uns in all ihrer Schönheit und charmanten Zerrissenheit sehr nah. Ihr Leid ist deshalb auch unser Leid.

Von Ursula Willimsky

Eine Freundin hat mir kürzlich einen Krimi geschenkt, den sie spannend und auch amüsant fand. Sie hatte ihn in zwei Nachtsitzungen gelesen. Ich habe davon genau sieben Seiten gelesen – sieben Seiten, die meine tiefsten Ängste aktiviert haben – was da im Buch zu Bruch ging, war ganz nah an dem, was mir im Leben wirklich wichtig ist.

Bis heute hat die Freundin nicht verstanden, weshalb ich das Buch nicht zu Ende lesen konnte. Und bis heute verstehe ich nicht, wie sie so etwas zu Ende lesen konnte. Zwei Mal derselbe Text – doch bei der einen bringt er ganz andere Saiten zum klingen als bei der anderen. Für die eine ist es eine abstrakte, gut konstruierte Story, für die andere ein unerträgliches Memento: Ich lebe ganz ähnlich – und wie schnell kann dieses Leben sich auf grausame Weise verändern.

Paris macht viele von uns sehr betroffen. Vielleicht auch, weil die Stadt – die Idealvorstellungen, Sehnsüchte, Erinnerungen, die wir mit ihr verbinden – so nahe an dem Leben sind, das wir so gerne führen möchten. Ein Anschlag mit ähnlich hohen Opferzahlen in einer fernen Metropole, insbesondere, wenn sie nicht zu den bevorzugten Urlaubszielen zählt, würde unsere Herzen vermutlich weniger treffen.

Nah und Fern - das Leid in zwei Kategorien

Immer wieder teilen wir Leid in zwei Kategorien ein: Nah und Fern. Das Busunglück auf der Autobahn, die wir selbst oft befahren, geht uns näher als das Fährunglück auf einem fernen Ozean. Das ist menschlich. Aber sollten wir uns nicht zumindest ab und an daran erinnern, dass ein hungerndes Kind in einem abgelegenen Katastrophengebiet genauso der Hilfe bedarf wie ein hungerndes Kind in einer Region, die uns zumindest durch die Berichterstattung bekannt erscheint? Dass Unrecht Unrecht bleibt – egal, ob es hundert Meter vor unserer Haustür geschieht oder 26.000 Kilometer davon entfernt?

Manchmal wird unsere Empörung, unser Mitgefühl angetrieben durch eher abstraktes Gerechtigkeitsdenken. Manchmal kommen ganz persönliche Betroffenheit und Trauer hinzu. Vielleicht, weil wir den Ort des Geschehens kennen. Weil wir selbst schon da waren. Weil wir wissen: Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass auch wir einer der 129 hätten sein können. Weil wir selbst gerne zu Konzerten, ins Café oder ins Sportstadion gehen und das auch in Zukunft ohne Angst tun möchten. Weil da Grundwerte zu Bruch gehen sollten, die ganz nah an dem sind, was in unserem Leben wichtig ist. Oder wie es Kanzlerin Merkel zusammenfasste: "Dieser Angriff auf die Freiheit gilt nicht nur Paris. Er meint uns alle. Und er trifft uns alle".

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