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Postnatale Depression: Mehr als nur Babyblues

Wochenbettdepression
Babyblues wünscht sich keine junge Mutter, doch manchmal bekommt man sie doch, die postnatale Depression.

Wochenbettdepressionen: Leere nach der Geburt

Mutterglück, so heißt es, sei das größte auf der Erde. Nicht für Monica. Die junge Frau, die ihren Namen aus Scham nicht so gerne lesen möchte, akzeptiert bis heute ihre Gefühle nicht. Denn statt Glück kam nach der Geburt ihres Sohnes die Leere. Wochenbettdepressionen treffen bis zu 20 Prozent aller Mütter.

Von Susanne Wächter

Depressionen kriegen andere, aber sie doch nicht. So wie die 34-jährige Monica denken viele Frauen. Dabei kann es jede treffen. Ohne Vorzeichen, einfach so. Die Betroffenheit ist groß. Sie kann jederzeit im ersten Jahr nach der Geburt entstehen. Als Kennzeichen haben Psychologen und Ärzte Müdigkeit- und Erschöpfungszustände herausgearbeitet. Häufige Traurigkeit und extremes Weinen kommen hinzu, ebenso wie eine innere Leere bis hin zu Ängsten und Panikattacken. Außerdem berichten die betroffenen Frauen von ambivalenten Gefühlen dem Kind gegenüber.

Nach einer Fehlgeburt kam die Angst

Für Monica ist es bis heute unerklärlich wie ihr das passieren konnte. Eine Vermutung hat sie allerdings: "Als ich das erste Mal schwanger war, verlor ich das Kind in der elften Woche wieder. Ich war fix und fertig, wurde aber Gott sei Dank schnell wieder schwanger." Monica redet schnell. Dabei sitzt Tim ihr jetzt zweijähriger Sohn auf ihrem Schoß und malt. Ihre langen hellblonden Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden. Ein paar Strähnen fallen ihr immer wieder ins Gesicht, die sie während des Gespräches immer wieder zur Seite streicht. Monica ist hübsch. Eine attraktive Mutter, wie sie sich viele Männer wünschen.

Genau dies wurde ihr fast zum Verhängnis. Mit der Schwangerschaft änderte sich ihr ganzes Leben. So zumindest empfang Monica die Zeit, die eigentlich die schönste im Leben einer Frau sein soll. "Für mich war es die schrecklichste Zeit. Ständig war mir schlecht, ich konnte meinen Speichel nicht mehr schlucken, ohne mich übergeben zu müssen." Die letzten Wochen konnte sie nur liegen. Auch die Geburt war in ihren Augen ein Horrortrip von 25 Stunden. Die PDAs, die die Ärzte ihr gaben, reichten nicht aus, drei Ärzteteams wechselten sich mit der Betreuung ab. "Jeder gab mir eine andere Dosis", sagt Monica und schüttelt den Kopf als wolle sie damit ihr Unverständnis nochmals ausdrücken.

Alles war zunächst in bester Ordnung

Als sie mit dem Kleinen nach Hause kam, schien alles noch in bester Ordnung. "Tim war ausgesprochen lieb", sagt Monica und streicht ihrem Jungen liebevoll über das dichte Haar. Doch die durchwachten Nächte, das ständige Dasein für andere, belasteten Monica immer mehr. "Ich war immer eine sehr belesene, berufstätige Frau, immer gut angezogen, geschminkt. Jetzt war ich nur noch für Tim da. Gab ihm die Brust, wechselte die Windeln, schaukelte ihn in den Schlaf und war immer zur Stelle, wenn er nur den kleinsten Laut von sich gab."

Monica bezeichnet sich selbst als perfektionistisch. Sie möchte es allen Recht machen. Dem Sohn eine gute Mutter sein, ihrem Mann eine perfekte attraktive Ehe- und Hausfrau. Um nicht zu verblöden, wie sie sich selbst ausdrückt, las sie nach wie vor mehrere Zeitschriften und Tageszeitungen. Zeit für andere Dinge blieben ihr nicht. Als sie dann auch noch eine schwere Erkältung mit anschließender Lungenentzündung bekam, war es ganz vorbei. Erste Anzeichen einer Depression setzten ein.

Wer sollte sich jetzt um Tim kümmern. Ihr Mann war zwölf Stunden am Tag außer Haus, ihre Eltern tausende von Kilometern entfernt. Sie bekam Hitzewallungen, zeitweise fingen ihre Hände an zu zittern. Zunehmend litt sie unter Schlaflosigkeit. "Ich war immer auf dem Sprung. Tim könnte sich gleich melden. Ich dachte, es lohne sich nicht einzuschlafen. Und während ich so da lag in den Nächten, fing ich an zu grübeln. Ich kam mehr und mehr zum dem Schluss, in einer ausweglosen Situation zu stecken."

Sie war nicht mehr sie selbst

Wochenbettdepression
Wochenbettdepressionen sind mehr als einfach nur ein Babyblues © James Peragine - Fotolia

Es setzte ein Gefühl der Ausweglosigkeit ein. "Alle interessierten sich nur noch für Tim. Niemand fragte, wie es mir geht", sagt Monica und ihre Stimme klingt dabei ein wenig belegt. Irgendwann wurde es so schlimm, dass sie nachts anfing zu schreien. Völlig grundlos. "Ich schrie, ich kann nicht mehr. Ich flehte meinen Mann an, mich ins Krankenhaus zu fahren." Eine psychiatrische Station war zunächst nicht frei. Die Ärzte brachten sie auf die Entbindungsstation.

"Ich schämte mich, in diesem Zustand wieder hierher zurückgekommen zu sein." Nach ein paar Tagen kam sie wieder nach Hause. Sie suchte im Internet nach Hilfe und kam so auf die Seite von "Schatten und Licht", einem Selbsthilfeportal für Postpartale Depression, wie sich die Schwangerschaftsdepression im Fachjargon nennt.

Es waren gerade mal vier Wochen nach der Entbindung vergangen und ihr Leben schien ausweglos. Ihr Mann versuchte sie zu unterstützen, wo es nur ging. Es den Eltern zu erzählen trauten sich aber beide nicht. Als sie es doch taten, ernteten sie Unverständnis. "Alle taten es ab. Sie meinten, es würde sich wieder geben. So viele Frauen bekämen Kinder und seien in der ersten Zeit überlastet. Ich kam mir jetzt noch minderwertiger vor."

In der Psychiatrie erhielt sie erstmals Medikamente

Nach langem Suchen fand sie schließlich einen Platz in der Psychiatrie. "Plötzlich war ich als studierte, promovierte Frau unter Menschen mit Psychosen, Wahnvorstellungen und multiplen Persönlichkeiten." Hier erhielt Monica erstmals Medikamente, die ihre Stimmung verbesserten. Nicht sofort, nach ein paar Tagen ging es ihr etwas besser. Zumindest schlafen konnte sie ein paar Stunden. "Aber es ging mir nicht schnell genug, ich wollte wieder nach Hause und arbeitete an mir."

Das liegt nun anderthalb Jahre zurück. Der Wunsch nach einem zweiten Kind wurde immer größer. Aber ihr Mann hat Angst davor. Angst, alles noch einmal durchmachen zu müssen. Die Gefahr bestehe nach Expertenmeinung nach einer ersten Depression auch nach der zweiten Schwangerschaft an Depressionen zu leiden. Damit es dazu aber gar nicht erst kommt, sollten sich die Frauen ein helfendes Netzwerk aus Freunden und Familie schaffen. Sich schon während der Schwangerschaft mit anderen betroffenen Müttern auszutauschen wird von vielen Frauen als hilfreich empfunden. Es gebe genug Beispiele von Frauen, so heißt es bei der Selbsthilfeorganisation "Schatten und Licht", die nach einer ersten Wochenbettdepression beim zweiten Mal nicht wieder darunter litten.

Monica würde dies gerne glauben, doch die Angst vor einer weiteren Krise lässt sie mehr und mehr Abstand von einem zweiten Wunschkind nehmen. "Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben. Das möchte ich nicht noch einmal durchmachen."

Tim geht drei Tage zu einer Tagesmutter

Heute arbeitet Monica wieder. An drei Tagen geht Tim zu einer Tagesmutter. Den Rest der Woche arbeitet sie von zu Hause. Auf diesem Weg hat sie ein Stück weit ihr altes Leben zurückerobert. "Und ich versuche nicht immer die perfekte Mutter zu sein."

Monica hat in ihrer Therapie auch gelernt, nicht immer nur für andere da zu sein. Sie geht zum Sport und ihr Mann versucht, sie so weit wie möglich zu unterstützen. Die Familie können beide nach wie vor nicht einspannen, dazu wohnen sie zu weit von ihnen entfernt. Monica und ihr Mann haben sich ihr eigenes Netzwerk geschaffen, um sich ab und zu ein paar Freiräume ohne Tim zu gönnen.

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