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Plötzlich Rabenmutter? - Wenn Mütter die Familie verlassen

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Zum Abschied ein Küsschen: Mütter, die ihre Familie nach der Trennung verlassen, müssen sich oft als Rabenmütter beschimpfen lassen.

Tabubruch: Wenn die Kinder nach der Trennung beim Vater bleiben

Darf eine Mutter ihren Mann und die Kinder wegen einer neuen Liebe verlassen? Die Kolumnistin Lisa Frieda Cossham hat das getan und ein Buch über ihren Tabubruch geschrieben. Sie hat ihre Wünsche und Bedürfnisse über das Familienglück gestellt und erntete dafür einen Shitstorm.

Lisa Frieda Cossham schrieb ein Buch über ihre Entscheidung

Von Jutta Rogge-Strang

Lisa Frieda Cossham und ihr späterer Ehemann Jan lernen sich in der Schule kennen, werden ein Paar und gehen auf die gleiche Universität. Cossham ist 21 Jahre alt, als ihre erste Tochter geboren wird, das zweite Kind folgt zwei Jahre später. Das Paar hat geheiratet, er arbeitet als Arzt, Cossham schließt ihr Studium ab und beginnt ebenfalls zu arbeiten, der Alltagstrott hält Einzug. Mit 33 Jahren lernt Cossham den Schauspieler Paul kennen und verliebt sich Hals über Kopf: "Als ich Paul kennenlernte, war es wie eine Sucht. Ich musste ihn immer wiedersehen.“

Shitstorm gegen "Rabenmutter"

Sie kann nicht anders, sie zieht aus, zunächst zu einer Freundin. Heute ist Cossham schon seit zwei Jahren Teilzeitmutter und sieht ihre Töchter seit der Trennung nur jede zweite Woche, im gleichberechtigten Wechsel mit dem Vater. In 'Plötzlich Rabenmutter - Wie ich meine Familie verließ und mich fragte, ob ich das darf' erzählt Cossham über ihre Schuldgefühle, ein neues Rollenbild und über die öffentlichen Reaktionen.

Während der Vater bewundert wird, weil er sich so rührend um seine Kinder kümmert, gilt sie oft als Rabenmutter. Im Deutschen ist nur Rabenmutter ein Schimpfwort, Rabenväter gibt es hierzulande offenbar nicht. Wie stark verwurzelt offenbar viele Frauen mit einem stereotypen Rollenbild sind, musste Cossham allerdings auch öffentlich erfahren. In einer Online-Kolumne schrieb sie über ihr Leben, ihre Sorgen und ihre Schuldgefühle als Teilzeitmutter und wurde vor allem von Frauen massiv angegriffen: "Sie bezeichnen mich als 'spaßbefreite Heulboje', als 'abschreckendes Negativbeispiel' und verpassen mir den Hashtag 'Jammermama'. Meine Beobachtungen empfinden sie als 'unreflektiertes Dauergenöle' und vergleichen sie mit einem 'Verkehrsunfall', bei dem man nicht hin-, aber auch nicht wegschauen könne", so Cossham über den Shitstorm.


Mütter unter Leistungsdruck

Woran liegt es, dass besonders andere Frauen so harsch mit der Autorin ins Gericht gegangen sind? Vielleicht, weil jede Mutter glaubt, dass ihre eigenen Ansichten die richtigen sind? Oder weil ein Konkurrenzkampf unter Frauen immer noch an der Tagesordnung ist? Oder geht es um Perfektion, besonders bei dem wichtigen Thema Kinder? Vielleicht ist auch ein wenig Neid im Spiel, dass sich eine traut, aus ihrer eingefahrenen Ehe auszubrechen und sich beruflich zu verwirklichen?

In Deutschland haben wir eine Gesellschaft, die sehr auf Leistung achtet. Da wird auch das Muttersein an einer Leistungsskala gemessen, denn auch auf diesem Gebiet müssen wir perfekt sein. Wir stehen unter dem Leistungsdruck, alle Variablen unter einen Hut bringen zu müssen, bis hin zur Selbstaufgabe. Ist es da verwunderlich, wenn sich viele Frauen nur für ein Kind entscheiden oder einfach garnicht mehr Mutter werden wollen?

Neue Rollenmodelle fehlen

Auch Cossham litt sehr unter ihren Schuldgefühlen, nahm sich aber das Recht auf Liebe und Beruf: "Ich muss Vollzeit arbeiten, um glücklich zu sein", schreibt sie. Aber eine gute Mutter ist immer verfügbar und arbeitet höchstens in Teilzeit: "Erzähle ich Fremden oder Kollegen, dass ich zwei Töchter habe, fragen sie meist erstaunt: 'Ach, und wo sind deine Kinder jetzt?' Als liege die Gefahr nahe, dass ich sie in der U-Bahn vergessen haben könnte. Oder draußen vor der Tür. Als wäre es selbstverständlich, dass ich meinen Kindern nicht von der Seite weiche, auch nicht, wenn ich abends in einer Bar stehe."

Cossham hat ihren eigenen Weg gefunden und lebt ihr persönliches Rollenmodell, auch wenn es nicht den gängigen gesellschaftlichen Normen und Erwartungshaltungen entspricht: "Andererseits habe ich nach zwei Jahren Wechselmodell verstanden, dass ich meine Familie nicht verlassen und verloren habe. Ihre Form hat sich verändert, mein Verständnis von Familie geweitet. (…) Mit meinem Auszug hat meine Familie ihre Selbstverständlichkeit verloren, plötzlich musste ich mich noch einmal für sie entscheiden. Mutter sein wollen. Das hat mein Verhältnis zu den Kindern verdichtet und präzisiert. Ich bin nicht weniger, sondern mehr Mutter als zuvor: bewusster, entschiedener, aufmerksamer."

Bleibt die Frage: Warum schreibt Lisa Frieda Cossham dann ein Buch und macht ihre Geschichte öffentlich? Ist das wirklich als Hilfe für andere Frauen gedacht, oder hat sie vielleicht immer noch ein Problem mit ihrem neuen Leben?

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