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Pirelli-Kalender ohne nackte Haut: Peter Lindbergh arbeitet gegen den "Terror von Perfektion und Jugend"

epa05652177 An undated handout image provided by the Calendar Pirelli press office on 29 November 2016 shows US actress Julianne Moore posing for the new Pirelli Calendar 2017 realized by German photographer Peter Lindbergh. EPA/PETER LINDBERGH/HANDO
Pirelli Calendar 2017 © dpa, Handout, bl hk

"Alt sein" ist der neue Skandal

Skandal! Der berühmte Pirelli-Kalender zeigt im Jahr 2017 wenig nackte Haut, dafür aber ausdrucksstarke ältere Promi-Frauen. Star-Fotograf Peter Lindbergh hat die Nase voll von "leeren Gesichtern", viele Männer sind aber sauer.

Von Jutta Rogge-Strang

„Sexy wird normalerweise mit Bikinis und High Heels übersetzt"

Wer kennt das nicht? In der Autowerkstatt hängt ein Kalender mit nackten Mädchen an der Wand, in der Junggesellenbude oder im Spint springen uns ebenfalls nackte Brüste an. Wir haben uns schon so daran gewöhnt, dass es uns garnicht mehr aufstößt. Der berühmte Pirelli-Kalender ist seit vielen Jahren Vorreiter in Sachen erotische Fotos. Die schönsten und hübschesten Frauen ließen vor der Kamera die Hüllen fallen. Im Jahr 2017 wird aber alles anders: Star-Fotofraf Peter Lindbergh (72) fotografiert bereits zum dritten Mal für den Pirelli-Kalender und hat genug vom ewigen "Schönheits-Terror": "Alles Unvollkommene ist verschwunden. Und das lässt nur leere Gesichter übrig."

Lindbergh zeigt nun starke Frauen fast ohne Make-Up, schwarz-weiß, verletzlich: Helen Mirren (71), Uma Thurman (46) oder Penelope Cruz (42) posierten nun für den weltberühmten Fotografen. Mit seinen Fotos wolle er dem "Terror von Perfektion und Jugend" entgegen treten, erklärte der Deutsche bei der Vorstellung des Kalenders. „Sexy wird normalerweise mit Bikinis und High Heels übersetzt - das Gegenteil dessen, was ich für sexy halte", so Lindbergh.

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Lindbergh rennt bei Frauen offene Türen ein

In den sozialen Netzwerken regt sich Widerstand. Viele Männer sind sauer, weil ihnen die nackte Haut fehlt, an die sich so gewöhnt haben. Seit mehr als 50 Jahren beglückt der italienische  Reifenhersteller einige Auserwählte mit seinem Werbegeschenk und hat weltweit viele männliche Fans: Die besten Fotografen, die schönsten Frauen und möglichst wenig Kleidung. Aber schon 2016 räumte Fotografin Annie Leibowitz mit den gängigen Schönheits-Klischees auf und fotografierte mollige, alte und angezogene Frauen.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, aber wollen die Männer wirklich einen Monat lang auf Falten schauen? Oder wollen sie weiterhin an die Illusion glauben, dass Frauen perfekt sind, immer verfügbar und allzeit bereit? An Sterotypen sind wir doch alle gewöhnt. Jung, dumm und sexy sollen wir sein, im besten Falle unser ganzes Leben lang.

Bei uns Frauen rennt Lindbergh offene Türen ein. Ich glaube, dass wir Frauen langsam wirklich genug davon haben, als Vollidiotinnen dargestellt zu werden. Wir haben es satt, als Sex-Objekt angesehen zu werden. Wir wollen mehr, wir wollen die Hälfte vom Kuchen und nicht mehr nur die Krümel. Es langweilt uns unsäglich, immer und überall ein Klischee bedienen zu müssen. Peter Lindbergh ist auf der Suche nach innerer Schönheit: „Das ist eine andere Art der Nacktheit, die viel wichtiger ist als nackte Körperteile.“ Danke dafür!

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