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Pipi-Langstrumpf-Prinzip: Manchmal einfach aus der Masse ausbrechen?

Pipi-Langstrumpf-Prinzip
Andrea Nahles von der SPD © dpa, Soeren Stache

Nahles setzt auf das Pipi-Langstrumpf-Prinzip

"Da da da da daaa" – Mal ehrlich: Bis zu dieser Stelle war Andrea Nahles‘ Pippi-Langstrumpf-Song gar nicht schlecht! In diesen ersten Sekunden war sogar eine Melodie deutlich erkennbar! Ok, ab dann folgte eine ganz leichte Textschwäche mit einer ziemlich starken Stimmband-Eskalation. Und plötzlich war der Bundestag hellwach. Statt Applaus für ihren Song "Nahles feat. Pippi" gab es allerdings 'ne böse Klatsche. Wie so oft, wenn jemand aus der Reihe tanzt, trampelten alle drauf rum. Warum haben es Querdenker bloß so schwer?

Von Dagmar Baumgarten

So schnell wird also ein Bundestag zu Bohlen. Wie bei DSDS macht jemand etwas, was sich für ihn selber oder im gestrigen Falle für Frau Nahles, wie Singen anfühlt, für die außenstehenden Zuhörer aber leider als Ohrenfolter herausstellt. Von Bohlen folgt dann gewöhnlich eine Beleidigung, die meistens folgende Elemente enthält: "Megagequirlte Oberscheiße" und "hört sich meine Oma beim Kacken melodischer an!"

Und ganz ähnlich fühlte es sich bei Andrea Nahles‘ Mini-Show-Einlage auch an. Sie singt ein harmloses Kinderlied und ihre Politikerkollegen verfallen in den vorpubertären Beleidigungsmodus. Warum? Weil sie alle so feingeistige Musiker sind? Oder was steckt dahinter? Wollten sie Andrea Nahles lieber in Grund und Boden twittern, ehe womöglich jemand auf die Idee kommt, dass es doch irgendwie ziemlich originell ist, Merkels Rede auf ein Kinderlied zu reduzieren? Dass ihre Gegner es als ihre Pflicht empfinden, reflexartig alles total schrecklich zu finden, was die SPD-Politikerin macht, ist ja fast noch verständlich. Und dass die CDU-Fraktion in ihren Reaktionen immer heftiger wird, je größer die Gefahr ist, dass unbeteiligte Zuhörer Andrea Nahles‘ Kritik zustimmen könnten, ist auch logisch. Aber warum machen bei diesem „Nieder mit Nahles“- Twitter-Shitstorm auch so viele Unbeteiligte mit?

Was regt denn den normalen Zuschauer so daran auf, dass eine Politikerin mal etwas in einer etwas ungewöhnlichen Weise auf den Punkt bringt? Wir beschweren uns doch immer, dass sich die blöden steifen Politiker hinter ihren Schachtelsätzen aus Phrasen und Floskeln verschanzen. So wie gestern. Das war alles schon so Routine, was die Politiker da abgeliefert haben, dass sogar Merkels Schlandkette lieber zu Hause in ihrer Schatulle weitergeschlafen hat. Weil sie dachte, sie verpasst eh nix!

Anders sein heißt mutig sein

Und richtig! Es fing an mit dem üblichen Schlagabtausch. Die Regierung um Merkel malt ein rosarotes Märchenbild der letzten vier Jahre. Die Opposition setzt das düstere Szenario des Scheiterns dagegen. Sogar die Politiker selbst haben schon gar nicht mehr hingesehen, sondern fleißig die Tasten ihrer Smartphones malträtiert, um Emails zu checken oder Doodle jump zu spielen. Und plötzlich kommt da jemand und sprengt die Routine. Mit einem eigentlich harmlosen Kinderlied. Andrea Nahles hat niemanden beleidigt. Ok, vielleicht ein paar Musiker-Ohren. Verdient sie dafür solche Hass-Attacken, bei denen die Fremdschäm-Vorwürfe und die Rücktrittsforderungen noch die harmlosesten sind?

Wer auffällt, muss einstecken können! Das fängt schon in der Grundschule mit der Kleidung an! Obwohl wir graue Uniformen doch eigentlich hassen, werden bunte Vögel ganz oft ausgegrenzt. Der menschliche Reflex ist: Der ist nicht wie wir - der oder die ist anders - das macht uns Angst. Und Angst ist oft die Ursache für Aggression!

Andererseits sind es aber oft die "Andersdenkenden", die uns weiterbringen. Im Mittelalter wurden sie für ihre Querdenkereien nicht nur beschimpft, sondern gleich gehängt. Aber würde es sie nicht geben, säßen wir auch heute noch auf einer Scheibe und die Sonne würde sich um uns drehen.

Anders sein heißt mutig sein, wer aneckt, ist unbequem und das bekommt er von der Masse auch erst mal deutlich zu spüren. Auch Alice Schwarzer wurde mit ihren provokanten Thesen heftig beschimpft - und das nicht nur von Männern! Denn nichts ist so unbequem wie das Umdenken. Paradoxerweise schreien wir doch alle nach den originellen Querdenkern und lieben angeblich die Paradiesvögel. Aber offensichtlich nur so lange wir nicht Angst haben müssen, dass sie uns überflügeln! Zu Recht, denn wer anders und gleichzeitig mutig genug ist, den Gegenwind der Masse auszuhalten, ist den Anderen oft meilenweit voraus.

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