Pick-Up Seminare von Julien Blanc: Frauenverachtung als Geschäftsidee

Pick-Up Seminare von Julien Blanc: Frauenverachtung als Geschäftsidee

Flirtversuche? Wohl eher sexualisierte Gewaltverbrechen!

Wir haben kurz aufgelacht, als wir das erste Mal von Julien Blanc lasen: Da nennt sich einer Pick-Up-Artist – ein Künstler in Sachen Mädchen-Aufreißen also und persifliert perfekt wie kaum ein anderer den Typus des Typen, der sie alle rumkriegt ohne sich groß mit Höflichkeiten oder Kuscheln aufzuhalten. „Das kann nicht ernst gemeint sein!“, dachten wir. Bis wir recht schnell verstehen mussten, dass Blanc und seine Kollegen von der Firma Real Social Dynamics (RSD) ihre Statements auf Eckkneipe-nach-dem-siebten-Bier-Niveau ernst meinen. So ernst, dass sie mit Thesen wie „Mach sie klein. Mach, dass sie sich schlecht und schuldig fühlt“ vor begeistertem Publikum auf Seminar-Tour gehen. Für angeblich bis zu 3.000 Dollar können Männer von ihnen erfahren, wie sie Frauen belästigen, erniedrigen und – schlimmstenfalls - dazu bringen, mit ihnen Sex zu haben.

Von: Ursula Willimsky

Aus nicht nachzuvollziehenden Gründen wird Blanc manchmal als „Flirt-Lehrer“ oder „Dating-Experte“ bezeichnet. Dabei sind die Inhalte seiner Seminare weit möglichst von dem entfernt, was man als Flirt versteht. Im Netz verbreitet er unter dem Titel „Mädchen würgen auf der ganzen Welt“ Fotos von sich selbst – die eine Hand am Hals einer jungen Frau, den Zeigefinger der anderen Hand an den Lippen, „pssst, halt ruhig“. Szenen, die eher an sexualisierte Gewaltverbrechen gemahnen, denn an Flirtversuche.

In einem Video für Männer in Japan verknüpft er Rassismus mit Sexismus. Hier könne man „sich als weißer Mann alles erlauben“. Er persönlich empfiehlt, Frauen einfach am Nacken zu packen und ihren Kopf Richtung Genitalzone zu zerren (entsprechende Videos von überrumpelten und damit gedemütigten Frauen finden sich auf seinem Kanal).

In einem anderen Video prahlte Blanc damit, eine Frau gegen deren Willen penetriert zu haben. Dass man diesen Satz auch als Geständnis einer Vergewaltigung werten könnte, wurde wohl irgendwann auch seinen amerikanischen Auftraggebern klar. Sie nahmen das Video vom Markt.

Anderswo ist Blanc von offizieller Seite vom Markt genommen worden. Australien zum Beispiel entzog ihm ein bereits erteiltes Visum. London prüft, ob ihm nach öffentlichen Protesten verboten werden soll, Seminare abzuhalten: „Wenn er in Großbritannien auftreten dürfte, würde die Zahl sexueller Belästigungen und Einschüchterungen sicher steigen“, sagt Innenstaatssekretärin Featherstone. In Deutschland will RSD in diesem Herbst und Winter Seminare und Bootcamps abhalten. Genaue Orte und Zeiten sind geheim – sie werden den Teilnehmern erst nach Überweisen der Teilnahmegebühr bekanntgegeben. Angeblich fand bereits eine – ausverkaufte - Veranstaltung in Berlin statt

Auch Männer wehren sich gegen Blancs Männerbild

Es formiert sich Widerstand. Nicht nur gegen einzelne Veranstaltungen, sondern gegen eine Geisteshaltung. Auf change.org bittet eine Petition an Klaus Wowereit um Unterstützung – vom 14. November bis zum 16. November stieg die Zahl der Unterschriften von 750 auf 36.000. In anderen Veranstaltungsorten wie München oder Frankfurt bemühen sich vor allem Politikerinnen, die Seminare zu verhindern.

Auch die Menschenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ engagiert sich gegen Blanc: „Seine Videos sind gewaltverherrlichend, demütigend, frauenverachtend. Wir sehen es sehr kritisch, dass diese Filme öffentlich zugängig sind und dass er diese Methoden auch anderen Männern nahebringen könnte“, sagt Pressesprecherin Astrid Bracht. So wird unter anderem eine Methode namens „the Claw“ (die Klaue) propagiert, bei der ein Mann den Arm um den Hals einer Frau legen und erst wieder loslassen soll, wenn sie sich nicht mehr wehrt. Ihre Organisation hat zum Protest gegen die „Seminare“, die Methoden der „Manipulation, Demütigung und sexualisierter Gewalt“ nahelegen, aufgerufen und viele Rückmeldungen erhalten. Auch von Männern, die sich gegen das Männerbild wehren, das RSD verbreitet. Weit entfernt von dem, was gleichberechtigtes Zusammenleben von Mann und Frau ist.

Die Diskussion um Blanc, so Pressesprecherin Bracht, zeigt, welcher Handlungsbedarf auch in Deutschland noch besteht, um für Gewalt gegen Frauen zu sensibilisieren. Noch immer wird das Thema totgeschwiegen – oder Gewaltdarstellungen werden als „ach, das ist doch witzig gemeint“ toleriert. Eine Gedankenfalle, in die ja auch wir bei Blanc kurz getappt sind.

Er selbst hat sich übrigens etwas ganz besonders „Gewitztes“ einfallen lassen als Reaktion auf die Proteste: Er verbreitet eine Checkliste, mit deren Hilfe Männer ihre Frauen an sich binden können – so seine Definition. Unter der Überschrift „Wirtschaftlicher Missbrauch“ rät er: „Verhindere, dass sie arbeiten geht“. Oder „Nutze Isolation: Beschränke ihre Kontakte nach außen“, aber auch „Benutze die Kinder. Drohe, sie ihr wegzunehmen“. Die meisten der Aussagen sind derart zynisch, dass wir uns weigern, sie hier wiederzugeben. Die Grafik hat Blanc übrigens nicht selbst ausgearbeitet: Sie basiert auf einer Übersicht, mit deren Hilfe Frauen in Notsituationen erkennen können, mit welchen Methoden ihr Mann sie in häusliche Gewalt und Missbrauch zwingt.

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