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Pick-Up-Artist Mihael ‚Mehow‘ Pospieszalski: Das traurige Leben eines Abschleppers

Pick-Up-Artist Mihael ‚Mehow‘ Pospieszalski: Das traurige Leben eines Abschleppers
Flirt gelungen! Ein Pick-Up-Artist würde sich jetzt aber fragen: Ist sie wirklich eine "10" oder nur 9,5? Und: spätestens morgen steht die nächste Eroberung an. © picture alliance / Bildagentur-o

Anleitung für Nachwuchs Don Juans

Der Kontakt zwischen Männern und Frauen ist noch nie einfach gewesen: Ob das durch das Buch „Wie man tolle Frauen rumkriegt“ besser wird, wage ich zu bezweifeln. Autor Mihael „Mehow“ Pospieszalski „weiß genau, wie Mann Frauen anspricht. Er ist bei den Besten in die Lehre gegangen und selbst mittlerweile an der Spitze“, verrät mir der Klappentext. Aha, denke ich: ein Sportler also, einer dieser PUA, Pick-up-Artists. Ein Profi-Aufreißer und damit jemand, der mir spontan unsympathisch ist. Aber gut, für den Klappentext kann der Mann ja nichts, denke ich mir und mache mich an die Lektüre, aber sympathischer wird mir „Mehow“ dabei nicht: Im Gegenteil!

Von Matthias Timm

Die Amerikaner denken ja, alle Probleme lassen sich lösen, indem sie in Einzelteile zerlegt, einzeln überarbeitet und dann wieder zusammengesetzt werden, ungefähr so, wie ein Automechaniker einen Motor überholt. Sie haben die Fließband-Produktion entwickelt und lassen Psychologen möglichst effektive Folter-Praktiken entwickeln. Da ist ein Arbeitsbuch zur Liebe oder wenigstens zum Sex doch noch am wenigsten unsympathisch.

Seine Ausgangs-These lautet: Dass eine Frau sagt „Ich liebe dich!“ ist „kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit“. Hmm, das hätte ich mir schon mal anders gewünscht. Und es geht nicht darum, eine interessante Frau kennenzulernen, sondern es soll schon eine „10er-Frau“ sein. Korrektur: Mehow „garantiert“ den Lesern seines Buches nicht eine, nicht zwei, nicht drei, sondern - Zitat - „zehn 10er-Frauen. Ganz allein für Sie.“ Und damit wir erkennen, dass wir uns auf sein Versprechen verlassen können, schreibt er: „Diese Woche bin ich mit einer 19-jährigen College-Studentin, einem 20-jährigen Modell und einer 24-jährigen Schauspielerin ausgegangen.“ Alle Achtung, denke ich. Der Mann ist auch noch bescheiden. Sicher aus diesem Grund verschweigt er uns, dass auch eine 21-jährige Stewardess, eine 22-jährige TV-Moderatorin und eine 23-jährige Milliardärstochter in jener Woche seinem hart erarbeiteten Charme erlegen sind.

Ihm geht es nicht um Liebe und auch nicht um Sex

Schon nach den ersten 16 Seiten erkenne ich: Dem Typen geht es nicht um Liebe und wahrscheinlich nicht einmal um Sex. Der will einfach nur täglich von einer (oder zwei oder drei …) neuen Frauen angehimmelt werden: Ein klassischer Fall von Don Juanismus! Der braucht Bestätigung, indem er Frauen stellt und erlegt, wie ein Jäger das Wild. Und das will er uns auch noch als einen Idealzustand verkaufen. Wie bescheuert können Menschen sein!

Vielleicht liegt es daran, dass „Mehow“ gewisse Entwicklungsdefizite hat. Über die frühe Pubertät scheint er nicht hinausgekommen zu sein. Denn für ihn zählt nur er selbst und höchstens noch die Anerkennung seiner Pick-Up-Freunde. Nach seiner ‚wahnsinnig teuren‘ Scheidung, von der er berichtet, scheint er an Bindungen - ob fest oder locker - überhaupt nicht mehr interessiert. Das ist für seinen Fall vielleicht auch okay. Nicht okay ist aber, dass Frauen für diesen Herrn bloße Objekte werden, die nach Gebrauch uninteressant geworden sind und entsorgt werden. Dass jede Eroberung nach ein paar Stunden wieder abserviert wird, ist ihm keinen einzigen Gedanken wert. Dass er und seine Adepten unter Umständen einen täglich wachsenden Haufen gebrochener Herzen hinter sich zurücklassen: Who cares?

Mehow und seine lustigen Pick-Up-Freunde haben ein bisschen angewandte Psychologie im Köcher, das kaum über das hinausgeht, was ein Berliner Freund vor Jahrzehnten schon so zusammenfasste: „Wer f…. will, muss freundlich sein.“ Das fand ich damals witzig. Was Mehow an kleinen psychologischen Hilfen zusammengetragen hat, ist nicht besonders originell. Dennoch breitet er seine Erkenntnisse auf annähernd 300 Seiten aus.

Die „Erkenntnisse, die ich gewonnen habe und die bislang noch kein anderer Pick-Up-Artist definiert, geschweige denn erlangt hat“, hat dieser unglückliche Mensch sogar mit eigenen Bezeichnungen schützen lassen: Sie lauten „PureKino™“ oder „10 Second Attraction™“ und so weiter. Dazu kommen weise Banalitäten wie diese: „Das Wichtigste, um erfolgreich zum Abschluss zu kommen, ist, immer sofort in die Interaktion zu gehen.“

Vom gleichen Kaliber sind seine Empfehlungen zum Styling des Umfeldes. So soll sich der Nachwuchs-Don Juan das Auto einer Nobel-Marke zulegen und sich am besten von einer Assistentin chauffieren lassen. Und eine schicke Wohnung in der City sei günstiger für das Pick-Up-Geschäft, als eine Untermieter-Existenz in den Suburbs: Wer hätte das bloß gedacht?

Und damit wir Deppen-Männer, die wir uns auch für Frauen unterhalb der „10“ interessieren, kapieren, wie es auf der freien Wildbahn tatsächlich läuft, illustriert uns Mehow die Theorie mit Aufreißer-Erfolgs-Szenarien, die gelegentlich nur schwer an Peinlichkeit zu übertreffen sind. Ein Beispiel:

„Eine Gruppe heißer Mädels sitzt an der Bar. Sie (als Mann) entscheiden sich als Eröffnung für den Ausruf „Wuhuuu!“ und ein High Five.“

Da kommt also ein Wildfremder mit erhobener Hand auf eine Gruppe „heißer Mädels“ zu und ruft „Wuhuuu!“ Wäre ich Teil dieser Gruppe, dann wäre meine unmittelbare Reaktion, dass ich überlege, wo genau ich das Pfefferspray eigentlich habe. Und in diesem Fall wäre der erste Gedanke tatsächlich auch der richtige. Denn dieses Prickeln aus der Sprühdose wäre tatsächlich echt.

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