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Phänomen 'Neun-Ender': Vor jedem runden Geburtstag beginnt das Grübeln

Phänomen 'Neun-Ender': Vor jedem runden Geburtstag beginnt das Grübeln
© picture alliance / Bildagentur-o

Ein runder Geburtstag ist ein Wendepunkt im Leben

Ein runder Geburtstag ist ja immer so eine Sache: Freunde und Verwandte erwarten, dass man diesen Anlass besonders groß feiert. Dabei ist einem selbst vielleicht eher nach ruhigem Innehalten zumute: Habe ich mein Leben in den letzten zehn Jahren möglichst gut auf die Reihe bekommen? Ist der nächste Geburtstag tatsächlich ein Grund zum Feiern, oder eher ein Startschuss, um jetzt endlich das zu machen, was ich bisher versäumt habe? Alle Jahrzehnte wieder kommt es vermehrt zu solchen zermürbenden inneren Bilanzierungsgesprächen. Denn die Macht der runden Zahlen hat uns fest im Griff. Nicht umsonst wird man im Bücherregal nur selten Ratgeber mit Titeln wie "87 Dinge, die eine Frau getan haben sollte, bevor sie 38 wird" finden. Nein. Es müssen hundert Dinge sein und als Zielmarke taugen nur Altersangaben wie 20, 30, 40 und so weiter.

Ursula Willimsky

Wenn eine Lebensdekade zu Ende geht, kommt die Zeit des großen Grübelns, aber auch der großen Veränderungen und Umbrüche. Dabei ist die Einteilung nach dem Dezimalsystem im Grunde eine völlig willkürliche Vorgabe. Man könnte sich und seine Lebenskrisen ja genauso gut am 11-Jahres-Rhythmus der Sonnenfleckenaktivitäten orientieren oder am 17-Jahres-Rhythmus der Magicicada-Zykade. Aber nein, für die meisten von uns gilt auch beim seelischen Wohlbefinden die 10-Jahres-Frist. Nur anthroposophisch Angehauchte scheren aus der 10er-Reihe aus. Sie sind davon überzeugt, dass sich unser Leben schon alle 7 Jahre ein neues Kleid überzieht und unser Dasein mit neuen Aufgaben, neuen Fragen und neuen Antworten konfrontiert.

Egal, ob die Impulse nun von außen kommen ("Kaum zu glauben, aber wahr – die Franzi wird heut 40 Jahr") oder von innen ("Mist, nächste Woche werde ich 30. Bis dahin muss ich erwachsen sein") – ein runder Geburtstag stellt häufig einen Wendepunkt im Leben dar. Für viele fühlt sich dieses Datum an, als würden sie von einem Tag auf den anderen 10 Jahre älter. Dabei ist es nur ein Jahr. Strenggenommen sogar nur ein Tag. Das sollte man sich immer vor Augen halten – selbst, wenn einem dieser eine Tag flugs in die Zielgruppe für altersgerechte Bäder katapultiert.

Wie stark die Endziffer 9 Einfluss auf unser Leben nimmt, haben nun US-Forscher der Nationalen Akademie der Wissenschaften herausgefunden: Das Alter mit der 9 am Ende macht radikal. Im Guten wie im nicht ganz so Guten.

Hohe Selbstmord- und Fremdgehrate bei den Neun-Endern

Für die meisten der Betrachteten war das Ende der einen Ära und der Beginn der nächsten Grund, sich mit dem Altern und dem bisher Erreichten auseinanderzusetzen. Anscheinend ploppt, wie ein kleines Springteufelchen, alle 10 Jahre die große Sinnfrage aus dem Unterbewusstsein hoch – viele zogen in diesem Lebensabschnitt grüblerisch Zwischenbilanz. Manchmal offenbar mit verheerenden Auswirkungen. Im US-Suizid-Register waren die Neun-Ender überdurchschnittlich hoch vertreten.

Die Forscher werteten aber auch die Daten eines Seitensprung-Portals aus. Hier waren ebenfalls Menschen am Ende ihrer Dekade – vor allem Männer – überproportional aktiv. Die persönliche Endzeitstimmung kann aber auch Ansporn sein, sein Leben auf positivere Weise umzukrempeln: Laut Statistischen Bundesamtes heirateten 2012 im zarten Alter von 25 Jahren fast 20.000 Frauen. Mit 29 Jahren – waren es fast 24.000 (bei den Männer ist die Differenz noch weitaus auffälliger: von 12.000 auf 22.000). Das war dann aber auch schon der Piek in Sachen Eheschließungen, in den Dekaden danach sinkt die Zahl der Hochzeiten in Deutschland kontinuierlich von Jahr zu Jahr.

Aber anscheinend gibt es diesen Drang, den schönsten Tag des Lebens noch vor dem 30. Geburtstag zu erleben. Oder eine andere, große Herausforderung anzunehmen. Kurz vor dem nächsten runden Geburtstag, so die US-Studie, laufen überproportional viele Menschen ihren ersten Marathon (50 Prozent mehr als es nach Zufallsverteilung eigentlich sein dürften); versierte Läufer hatten zudem bessere Zeiten als in den zwei Jahren davor oder danach. Das Gefühl, bald deutlich älter zu sein, beflügelte sie anscheinend, noch einmal alles zu geben.

Doch ein großes Rätsel konnten auch die Forscher nicht erklären: Weshalb dieser Geburtstag, der einem eine 0 hinten ans Alter zaubert, so wichtig ist. Drängende Korrekturen am eigenen Leben könnte man ja auch prima mit 26 oder 37 vornehmen. Man muss ja nicht unbedingt alles auf die Endziffer 9 fokussieren. Vielleicht verhält es sich mit diesem Alter ähnlich wie mit dem Termin für die Abgabe der Steuererklärung: Man weiß eine laaaaaange, laaange Zeit, dass man etwas tun muss. Aber so richtig zu Potte kommt man erst, wenn ein fixes Datum im Kalender steht.

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