Patricia Arquette fordert bei ihrer Dankesrede mehr Rechte für Frauen

Patricia Arquette bei der Oscar-Verleihung
Patricia Arquette beeindruckt mit ihrer Dankesrede © Jennifer Graylock/INFphoto.com

Mit der Oscar-Dankesrede im Kampf für mehr Gleichberechtigung von Frauen

… and the winner is… Patricia Arquette. Mit dem Goldmann in der Hand forderte sie bei der Oscar-Verleihung: "Es ist an der Zeit, die Frauen stark zu machen, um gleiche Bezahlung und gleiche Rechte für alle in den Vereinigten Staaten zu erreichen." Ihr emotionaler, feministischer Appell wurde frenetisch gefeiert – Superstars wie Meryl Streep jubelten ihr zu, der 46-Jährigen gehörten die Schlagzeilen. In ihrer Dankesrede hatte sie nicht wie üblich dem Produzenten und der Mama gedankt, sondern ein bisschen globaler gedacht, nämlich "an alle Frauen, die jeden Steuerzahler und jeden Bürger dieses Landes geboren haben."

Von: Ursula Willimsky

Die Schauspielerin selbst war für die Darstellung einer alleinerziehenden Mutter als 'Beste Nebendarstellerin' ausgezeichnet worden. Zwölf Jahre hatte Arquette Zeit, sich in das Leben einer alleinerziehenden Mutter einzufühlen – so lange dauerten die Dreharbeiten zu 'Boyhood', einem Film über eine Kindheit und Jugend in den USA. Über einen Jungen, der von einer ganz normalen Frau geboren wurde. Von einer Frau, die in einem Land lebt, in dem Frauen derzeit etwa 20 Prozent weniger Gehalt mit nach Hause bringen als Männer. Auch, wenn sie alleinerziehend sind und eine Familie ernähren müssen.

Darin unterscheiden sich die USA nicht allzu sehr von Deutschland: Der durchschnittliche Bruttolohn liegt hierzulande bei ungefähr 19,80 Euro. Wenn man ein Mann ist. Frauen bringen gerade mal 15,15 Euro heim. Mit deutlichem Ost-West-Gefälle: Im Westen klafft eine dicke 23-Prozent-Lohnlücke, im Osten sind es nur 8 Prozent.

Die Gründe? Zum einen tendieren Frauen zu anderen Berufen als Männer: So sind zum Beispiel etwa 80 Prozent aller Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, Frauen. Die damit eine Branche okkupiert haben, die nicht gerade wegen ihrer üppigen Bezahlung bekannt ist. (Kleine Anekdote am Rande: Müllmänner bekommen einen Zuschlag, weil sie schwere Lasten heben müssen. Pflegekräfte müssen ihren Rücken zum Tarifgehalt malträtieren).

Selbst schuld! Mag mancher da sagen. Aber leider ist es auch so, dass selbst bei einem Vergleich von Berufen mit ähnlicher Qualifikation und ähnlichem Aufgabengebiet Männer im Schnitt immer noch acht Prozent mehr verdienen.

Auch Hollywood bleibt von den Gerechtigkeitslücken nicht verschont

Die Hans-Böckler-Stiftung fand heraus, dass die Weichen für das Geld-Gefälle ganz am Anfang der beruflichen Laufbahn gestellt werden. Sie verglich in einer Studie die Einstiegsgehälter von Absolventen einer Wirtschafts- und Rechtsfakultät. Das Ergebnis: Wie üblich. Die Jung-Absolventinnen starteten im Schnitt mit acht Prozent weniger Gehalt – was etwa 3.000 Euro im Jahr ausmachte. Ein Vorsprung, der sich im späteren Leben nur schwer wieder aufholen lässt. Vor allem, wenn dann noch Faktoren wie Teilzeit-Tätigkeit oder längere Babypausen dazukommen. Eine Hochrechnung besagt, dass Frauen zwischen 25 und 34 Jahren etwa 11 Prozent weniger verdienen – bis 44 sind es dann schon 24 Prozent.

Hinzu kommen dann all die Soft Skills (oder eben deren Fehlen), die sich gar nicht in Geld messen lassen: Der verbale Schulterschlag, wenn man ein Projekt super abgeschlossen hat, zum Beispiel. Wenn die Kinder auch im Juni noch jeden Tag ein einigermaßen gesundes Pausenbrot mit in die Schule bekommen, merkt´s dagegen keiner. Der Austausch mit Erwachsenen, die einen auch noch in anderen Funktionen wahrnehmen als nur als "die Mama von". Und das Gefühl, eigenes Geld verdient zu haben. (Was ja angesichts der aktuellen Scheidungszahlen und des neuen Unterhaltrechts nicht nur eine Sache des guten Gefühls ist: Wer im Falle einer Scheidung allein für seinen Unterhalt aufkommen muss, hat es leichter, wenn er das nicht nur auf 400-Euro-Basis hinkriegen muss).

Vom Leben nach der Berufstätigkeit gar nicht zu reden! Laut Bundesfamilienministerium klaffte 2012 eine gewaltige Rentenlücke zwischen Mann und Frau: 59,6 Prozent. In Euros: Männer bekamen 1.595 Euro Rente, und Frauen 645. All das sind natürlich nur Durchschnittswerte. Aber auch die sagen ja was über den Ist-Zustand.

Um Geld mal in Zeit umzurechnen: Derzeit müssen Frauen über zwei Monate mehr arbeiten, um auf das Jahresgehalt eines Mannes zu kommen. Oder – in Hollywood-Maßstäben gedacht – sie müssen in deutlich mehr Blockbustern eine tragende Rolle ergattern, um genauso viel zu verdienen wie die männlichen Kollegen. Was allein schon mal deshalb schwer ist, weil in Hollywood-Filmen nur rund 30 Prozent aller Rollen mit Frauen besetzt werden. Und die Gagen hinken entsprechend hinterher. Wenn auch auf ganz hohem Niveau: Der unverwüstliche Robert Downey Jr. galt 2014 mit 75 Millionen Dollar als bestverdienender Schauspieler. Bei den Schauspielerinnen schaffte es Sandra Bullock mit "nur" 51 Millionen Dollar Gage auf Platz 1. Vermutlich braucht es noch einige Oscar-Dankesreden, um an all diesen Gehalts-, Renten- und Gerechtigkeitslücken etwas zu ändern…

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