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Patentrezept für ein langes Leben: Männer meiden und Porridge zum Frühstück?!

Alt werden ohne Mann
Ist ein Leben ohne Mann das Rezept zum Altern? © obs, Initiative Hausnotruf

Lohnt sich das männerlose Altern wirklich?

Männer: Sie kosten Nerven. Sie machen Stress. Sie sind das alles nicht wert. Findet zumindest Jessie Gallan. Ihr Leben lang hat sie deshalb einen weiten Bogen um alle Männer gemacht – und ist damit aus ihrer Sicht recht gut gefahren. Immerhin ist Fräulein Gallan mit ihrer Männervermeidungstaktik dieser Tage 108 Jahre alt geworden und geistig und körperlich immer noch topfit. Zum Beispiel geht sie eisern einmal die Woche zum Sport, was ja deutlich mehr ist als bei unsereinem. Hat sie also das Patentrezept für ein langes, erfülltes Leben gefunden, das da heißt: "Meide die Männer. Sei ansonsten aber sehr aktiv?" Sollten wir ihr in unserem eigenen Interesse nacheifern und dem jeweiligen Partner, falls vorhanden, ganz flugs einen Account für ein Online-Partnerportal auf sein Frühstücksbrettchen legen? Oder funktioniert das Allein-Allein-Modell nur, wenn wir wie Jessie ab jetzt jeden Morgen eine Schüssel stinklangweiliges Porridge essen? Dann doch lieber ein Leben mit Mann und Schokocroissant.

Ursula Willimsky

Bevor sie die älteste Einwohnerin Schottlands wurde, wuchs Jessie auf einer Farm in den Highlands auf. Ihr Geld verdiente sie im Service-Bereich, den Lebensabend genießt sie seit einigen Jahrzehnten in einem Seniorenheim. Auch dort beginnt sie, wie vermutlich schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts, jeden Morgen mit einem Lächeln. Akribisch achtet sie darauf, "jeden Tag zu füllen" – unter anderem beeindruckt sie ihre Pflegerinnen damit, dass sie täglich wacker ein paar Ründchen zu Fuß dreht und regelmäßig zur Gymnastikstunde erscheint.

Lächeln. Das Leben mit Sinnvollem füllen. Bewegung. Für sich die perfekte Form der Ernährung finden (muss ja nicht warmer Haferbrei sein) – das klingt ja alles noch ganz gut. Diese Light-Version guter Vorsätze fürs kommende Leben könnte man fast mal ausprobieren. Aber die Sache mit der Vermeidung von Männern? Das könnte schwierig werden.

Da wär zum Beispiel die Problematik etwaiger unterdrückter Emotionen, was ja gar nicht gesund ist. An wem bitteschön soll man denn seine miese Laune auslassen, wenn kein Partner greifbar ist? Wem soll man die Verantwortung für Missgeschicke unterjubeln, wenn niemand da ist, der aufgrund von bloßem Atmen im Nachbarzimmer schuld daran ist, dass mir jetzt die teure Vase runtergefallen ist? Katzen oder andere Haustiere können diese Ventilfunktion nur bedingt übernehmen: Die gehen einfach.

Auch mit Mann steht dem Altern nichts im Wege

Wer schleppt die schweren Wasserkästen und zieht die Winterreifen auf? Wer – und an dieser Stelle nähern wir uns dem Hauptargument gegen Jessies Lebensmodell – nimmt einen in den Arm, wenn es einem schlecht geht? Liebt einen und lässt sich von einem lieben? Mit wem sammelt man all die wundervollen gemeinsamen Erlebnisse, die man später aus dem Schatzkästlein der Erinnerung wieder hervorzaubern kann: "Ach Liebling, weiß Du noch? Unser erster Urlaub. Die tolle Strandbar auf Fuerte mit diesem sensationellen Octopus in der eigenen Tinte?" "Quatsch. Das war 'ne Restaurant-Terrasse mit Meerblick. Und schon gar nicht auf Fuerte, sondern auf Gomera".

Mit einem Partner an der Seite ist das Leben ein steter Dialog und Austausch von Gefühlen. Das muss nicht immer schön sein, aber oft passt es einfach. Wir behaupten mal: Auch das kann jung halten und damit für ein gesegnetes Alter sorgen. Und seine neue Lautsprecher–Box können wir ja klammheimlich solange immer wieder diagonal im Regal arrangieren, bis er aufgibt und uns gewähren lässt.

Natürlich machen Männer Stress und kosten Nerven. So wie jeder Mensch, mit dem man viel und ständig zu tun hat. Aber würden wir deshalb jeden engeren Kontakt zu Menschen meiden? Wohl eher nicht. Wer lieber allein lebt statt in einer Partnerschaft – gerne! Aber darin ein Patentrezept für ein langes Leben sehen? Schwierig. Besonders, weil Überlebens-Tipps aus dem Lager der Ü-100-Generation sich gerne mal widersprechen. Die einen setzen auf Enthaltsamkeit: Kein Tabak. Kein Alkohol. Nur zwei Mahlzeiten am Tag. Die anderen genießen das Leben in vollen Zügen: Zum Einschlafen immer ein Schnäpschen. Oft zum Tanzen gehen. Viele Flirts. Von einer 122-Jährigen wird kolportiert, dass sie erst mit 117 mit dem Rauchen aufhörte. Mit 118 fing sie wieder an. Manche werden ohne feste Beziehung steinalt. Manche können die Zahl ihrer Ur-Ur-Enkel nur grob schätzen.

Widersprüche, die einen ganz großen Vorteil haben: Egal, für welche Lebensform man sich entscheidet – irgendeine Beweis-113-Jährige wird sich finden, die es genauso gemacht hat und damit steinalt geworden ist. Siehste wohl, geht alles! Sogar mit Männern!

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