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Papst Franziskus: Katholiken müssen sich nicht wie "Karnickel" vermehren

Paaren sollen sich auf verantwortungsvolle Elternschaft besinnen

Na, das wird jetzt so manche rechtschaffene Mehrfachmutter doch einen Hauch irritieren. Konnte sie bisher hachsolustige Kommentare á la "Du musst doch gar nicht arbeiten, kannst ja vom Kindergeld leben" mit einem "wenigstens freut sich der Papst, dass wir wachsen und uns mehren" abwiegeln, ist diese Option nun futsch. Ausgerechnet das Oberhaupt der in manchen Kreisen als unkontrolliert vermehrungsfreudig verschrienen Kirche propagiert nun die schmale 3-Kind-Familie. Auf der Rückreise von den Philippinen warb er für eine "verantwortungsbewusste Elternschaft". Und zwar mit drastischen Worten: "Manche Menschen glauben - entschuldigen Sie den Ausdruck -, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen".

Ursula Willimsky

In der Tat eine Aussage von erfrischender Klarheit. Die sich allerdings nicht in erster Linie an gutsituierte Haushalte mit sieben Kindern und einem Ministerinnen- und einem Unternehmergehalt richtet. Und auch nicht an Juppie-Vorzeige-Familien, die ihre muntere Kinderschar mit sauteuren Bio-Dinkel-Vollkornspätzlen großziehen. Nein. Es ging eher um die sogenannten Armen. Nach einer Reise durch ein Land mit großer Armut und hoher Geburtenrate ein naheliegendes Thema. Im Flieger reagierte der Papst mit seiner Karnickel-Sentenz auf Kritik, weil er sich ausgerechnet auf den Philippinen (ein Drittel der Bewohner haben weniger als 1,25 Dollar am Tag zum Leben) erneut gegen künstliche Verhütungsmittel ausgesprochen hatte. So hält es die Katholische Kirche seit 1968 – wer will, kann es gerne in der Enzyklika Humanae Vitae nachlesen.

Statt zu Pille oder Kondom zu greifen, empfahl der Papst katholischen Paaren (wir gehen jetzt mal davon aus, dass er von Eheleuten sprach und nicht von anderen Paaren), sich auf eine "verantwortungsvolle Elternschaft" zu besinnen. Übrigens durchaus auch zum Schutz der Frauen. Als Beispiel nannte das Oberhaupt der Katholischen Kirche eine Frau, die mit ihrem achten Kind schwanger war – nach sieben Kaiserschnitten. "Das ist verantwortungslos!", habe er ihr gesagt, "wollen Sie ihre sieben Kinder zu Waisen machen?" Als die Frau erwiderte, sie vertraue auf Gott, habe er ihr geantwortet: "Aber Gott gibt dir Methoden, verantwortungsvoll zu sein".

Nur, worin diese Methoden bestehen, darin sind sich nicht alle einig. Viele Gläubige setzen sich über das Verbot von Verhütungsmitteln hinweg – weil in ihren Augen veraltet. Nicht wenige halten die Ablehnung beispielsweise von Kondomen sogar für verantwortungslos - Stichwort ungewollte Schwangerschaften und vor allem Ansteckungsgefahr. Da draußen in der Welt soll es ja auch durchaus Menschen geben, die Sex mit jemandem haben, mit dem sie nicht verheiratet sind.

Katholische Kirche empfiehlt 'Sensiplan' als Verhütungsmethode

Kondom und Co. sind nicht gern gesehen, einfach so loslegen und Kinderlein kommen lassen, ist aber auch nicht mehr gern gesehen. Was bleibt? Die sogenannte Familienplanung, die auf künstliches Beiwerk wie Latex oder Hormone verzichtet, den Eheleuten (und natürlich reden wir nur von denen) aber die Chance gibt, ihre Liebe auch körperlich zum Ausdruck zu bringen, ohne sich wie Karnickel zu vermehren ... Die deutsche Bischofskonferenz empfiehlt zum Beispiel die Methode 'Senisplan', die - teilt uns das Bistum Köln auf Nachfrage mit - dazu beitragen soll, "dass die Verbindung von Liebe, Sexualität und Fruchtbarkeit im Wertebewusstsein nicht verloren geht".

Ganz vereinfacht geht es um die Feststellung der fruchtbaren Tage eines Paares durch Beobachtung der Körpersignale – weshalb 'Sensiplan', so die dazugehörige Internet-Seite, viele Vorteile habe: sie mache Frauen die Vorgänge rund um die Fruchtbarkeit im eigenen Körper bewusst; gebe Männern und Frauen die Chance, ihre sexuelle Beziehung anders zu erleben und ihre Familienplanung partnerschaftlich zu gestalten; setzt voraus, dass sich die Partner abstimmen, wenn sie eine Schwangerschaft vermeiden wollen und sei frei von gesundheitlichen Nebenwirkungen.

Klingt gar nicht schlecht. Abgesehen vielleicht davon, dass diese Methode wirklich nur für feste Paare praktikabel ist. Und dass auch sie keine hundertprozentig sichere Sache ist. Aber drei Mal darf man sich ja ohnehin mit dem aktuellen Segen der Kirche bei seinem Zyklus verrechnen.

Jetzt wäre es natürlich leicht, sich an dieser Stelle noch einmal über Papst Franziskus zu echauffieren, in Hinblick auf eventuell vorhandene Weltfremdheit, Aids oder Überbevölkerung. Aber das sollen andere machen. Er hält an der Doktrin seiner Kirche fest und schafft es trotzdem, sagen wir mal, ein bisschen an den Ecken zu wackeln. Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut – vielleicht brauchen Änderungen aus Rom ja auch länger als einen Karnickel-Zyklus. Insofern warten wir jetzt einfach mal den Herbst ab. Dann steht die nächste Familiensynode an, auf der das Thema Sexualität eine zentrale Rolle spielen soll. Und vielleicht zaubert der Papst ja da noch ganz andere Ideen als seine 3-Kind-Familie aus seinem Hut, äh, seiner Tiara.

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