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Papa-Kolumne: Nieder mit dem Nestbautrieb!

Sebastian Priggemeier, Priggemeier, Teambilder Frauenzimmer
Sebastian Priggemeier © Stefan Neumann Fotografie

Wann muss das Kinderzimmer fertig sein?

"Es sind noch 108 Tage", sagt Tini und schaut mich eindringlich an. Ich reibe mir verwundert die Augen, denn es ist 6.47 Uhr, und ich bin gerade wach geworden. 108 Tage bis was? Bis zur Apokalypse? Bis zum nächsten Ölwechsel? Nein, durch gezieltes Nachfragen stellt sich heraus: Meine schwangere Freundin meint die Zeit bis zum errechneten Geburtstermin. Stimmt, denke ich - im Herbst bekommen wir eine kleine Mitbewohnerin. Jetzt ist Sommer. Also drehe ich mich wieder um, schlafe weiter und kassiere dafür einen Ellenbogen-Check.

Von Sebastian Priggemeier

Tini legt nach: "Wir haben noch kein Babybett. Außerdem brauchen wir eine Wickelkommode und warme Jacken für das Baby." Im Herbst sei es schließlich kalt. "Und warum steht der Schreibtisch überhaupt noch im Arbeitszimmer?" Mir wird klar: Einstein hatte recht - Zeit ist relativ. Für meine Schwangere sind 108 Tage bis zur Entbindung scheinbar nur ein Wimpernschlag in der Zeitgeschichte. Für mich dagegen sind 108 Tage - nunja - eben 108 Tage. Oder anders ausgedrückt: Drei volle Kalendermonate. Entschuldigung, aber in drei Monaten reise ich mit dem Klapprad einmal um die Welt. Manche Firmen ziehen innerhalb von drei Monaten ganze Häuser hoch - wir müssen nur ein Kinderzimmer einrichten. Ans Weiterschlafen ist trotzdem nicht mehr zu denken.

"Das ist der Nestbautrieb", erfahre ich sechs Stunden später in der Kantine. Kollege Florian beißt in seine Frikadelle. Er ist zweifacher Papa und kennt sich aus. Manchmal brauche ich einfach den Rat von Männern, die schon was erlebt haben. Von Typen mit Ehering und ersten grauen Haaren. Dafür gehe ich in die Kantine, denn die Kantine ist die moderne Variante des Lagerfeuers, an dem in grauer Vorzeit die Jagdbeute zerlegt wurde: Zwischen Buletten, Beilagen und Butterbrot gibt es praktische Tipps für den Umgang mit Frauen und Kindern. Der Nestbautrieb also. "Da musst du hart bleiben. In drei Monaten kann noch viel schief gehen. Und wenn du dann ein voll eingerichtetes Kinderzimmer Zuhause hast, tut’s doppelt weh", sagt der Kantinen-Kumpel. Ha, ganz meine Meinung!

Kinderzimmer-Killefitt? Nein, danke

Blind vor Bestätigung bringe ich das Argument nach Feierabend Zuhause an, aber meine rastlose Raumplanerin kontert mich eiskalt aus: "Es kann auch nach der Geburt noch etwas schief gehen. Soll das Baby deshalb ohne Kinderzimmer aufwachsen? Und was ist, wenn wir ein Frühchen bekommen?" Verdammt, 1:0 für sie. Selbstzweifel regen sich. Ist sie etwa die Vernünftige von uns beiden? Argumentations-Blackout. Doch dann fällt mein Blick auf ihre Baby-Besorgungsliste: Eine "süße Häschen-Lampe" für 15 Euro, ein "flauschiger Wolken-Teppich" für 119 Euro - immerhin heruntergesetzt. Ein echtes Schnäppchen. Nicht!

Wickelkommode? Klar. Babybett? Natürlich. Kinderzimmer-Killefitt? Nein, danke. Wir leben auf 63 Quadratmetern in der Kölner Innenstadt - unsere Wohnung ist zu klein für einen Småland-Bereich, der monatelang ungenutzt bleibt (sonst hätte ich längst ein eigenes Bälle-Bad). Also handeln wir einen Kompromiss aus: Zwei Monate vor dem Geburtstermin legen wir los. Ich verspreche, unser Arbeitszimmer verwandelt sich Woche für Woche etwas mehr in ein plüschiges Baby-Paradies. Unsere neue Mini-Mitbewohnerin soll sich schließlich wohl fühlen. Und ich geb‘s ja zu: Mittlerweile zähle auch ich schon die Tage bis zum Einzug.

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