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Ohrringe für Kinder: Schmuck oder Körperverletzung?

Ohrlöcher für Kinder: Schmuck oder Körperverletzung?
Sind Ohrlöcher für Kinder Körperverletzung? © dpa, Florian Schuh

Petition in England gegen Ohrringe für Kinder

"Körperverletzung an Kleinkind: Eltern gaben Täter vorher die Erlaubnis!" Diese erfundene Schlagzeile klingt schon sehr krass – ist aber im Grunde nur eine andere Formulierung für den Satz: "Morgen lassen wir unserer Marie-Sofie Ohrringe stechen! Damit wird sie suuupi-süß aussehen!" Womit wir mitten in einem Spannungsfeld stecken, über das Eltern gerne und heftig diskutieren: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um seinem Mädchen Ohrlöcher stechen zu lassen? Direkt als Baby – oder erst, wenn das Kind selbst mitreden kann?

Von: Ursula Willimsky

In Großbritannien wird derzeit eine Petition vorangetrieben, die Ohrringe bei Babys und Kleinkindern generell verbieten will. Begründung: "Das ist eine Form von Kindsmisshandlung. Kindern werden völlig unnötig Schmerzen und Angst zugefügt. Und alles nur, um die Eitelkeit der Eltern zu befriedigen. Andere Formen der Körperverletzung bei Kindern sind illegal – beim Ohrlochstechen sollte das nicht anders sein."

Wie nicht anders zu erwarten, hat die Petition zahlreiche Unterstützer und viele Gegner, die mit Spott und Häme auf den Vorschlag reagieren. Von unnötiger Hysterie ist da die Rede, davon, "dass an Ohrringen ja wohl noch nie ein Kind gestorben ist", und so weiter und so fort. Die Ohrring-Fans untermauern ihren Standpunkt gerne mit einem Blick in andere Länder: Gerade in südlichen Gefilden sei es absolut üblich, dass die Babys noch im Krankenhaus von einer Krankenschwester Ohrringe gesetzt bekommen - was zumindest den Vorteil hat, dass der Eingriff unter sauberen medizinischen Bedingungen stattfindet.

Hierzulande geht man eher zum Juwelier oder ins Piercing-Studio, wo ja auch Wert auf keimfreie Arbeit gelegt wird. Die Gesetzeslage übrigens ist erfrischend dehnbar: Generell handelt es sich bei jedem Piercing (ein Marienkäfer-Ohrring ist auch nichts anderes) um einen Eingriff in die Unversehrtheit des Körpers. Und der darf nur vorgenommen werden, wenn der Betroffene eindeutig darum bittet. Dafür braucht es noch nicht einmal ein bestimmtes Alter, aber immerhin die "geistige und sittliche Reife", um die Tragweite dieser Bitte einschätzen zu können.

Mit der Begründung könnte man zwar auch prima so manchem 30-Jährigen das gewünschte Tattoo oder Piercing verweigern, aber wir reden hier und heute ja ausschließlich von Minderjährigen. Und bei denen bedarf es der Zustimmung der Eltern – worauf vermutlich auch jeder Juwelier und jedes Piercing-Studio bestehen wird, allein schon aus Angst vor Schwierigkeiten mit letztgenannten.

Schadet ein kleines Loch im Ohr dem Kind?

Die Europäische Vereinigung für professionelle Piercings (EAPP) rät ihren Mitgliedern, auch bei älteren Jugendlichen die Zustimmung beider Elternteile einzuholen – und sie auch zu einem Vorgespräch zu bitten. Generell spricht sich dieser Verband gegen Eingriffe bei Jugendlichen unter 14 Jahren aus. Der Bundesverband der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ) sieht das mit der Altersbegrenzung lockerer ("Wir können den Erziehungsberechtigten ihre Verantwortung nicht abnehmen"), pocht aber ebenfalls bei unter 16-Jährigen auf die Einwilligung der Eltern und die Anwesenheit eines Erziehungsberechtigten. Ab 16 genügt eine schriftliche Zustimmung der Eltern.

Mit 14 Jahren gilt man in Deutschland als "bedingt strafmündig" – für viele Experten der früheste Zeitpunkt für den ersten Knopf im Ohr. Doch egal, wie es mit der geistigen Reife der Kinder und Pubertierenden aussieht, den Zusammenhang "Loch im Ohr tut weh" dürften sie alle ab einem bestimmten Alter verstehen. Und sie haben immer noch die Chance, kurz vor der Eingangstür des Juweliers "Och ne, ich hätte doch lieber ein neues Spiel statt der Ohrringe" zu sagen. Babys können das nicht. Sie verstehen nicht, was und wieso ihnen da jetzt etwas weh tut. Und wehren können sie sich ohnehin nicht dagegen.

Aber welche Konsequenzen hat das? Ganz unabhängig vom Alter lehnen einige Menschen Ohrschmuck generell ab: Zum Beispiel, weil sie der traditionellen fernöstlichen Medizin nahestehen und argwöhnen, dass willkürlich gesetzte Piercings Energiepunkte schädigen. Oder weil sie fürchten, dass die Ohrlochnarbe sich zu einem "Störherd" entwickelt, der negative Auswirkungen auf andere Körperregionen haben könnte. Doch auch die Schulmedizin sieht Ohrringe bei Kindern skeptisch. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte rät davon ab: "Jeder Eingriff in einen intakten Kinderkörper ist problematisch". Sie seien eher Körperverletzung denn Schmuck.

Zumal es ja durchaus zu Entzündungen und Schmerzen kommen kann. Vor einiger Zeit musste ein Berliner Tattoo-Studio einer Dreijährigen 70 Euro Schmerzensgeld zahlen, weil das Mädchen beim Ohrlochstechen geweint hatte. Danach ließ der Richter prüfen, ob der Besitzer des Studios und die Eltern sich nicht auch noch der gemeinsamen Körperverletzung schuldig gemacht hatten … man sollte sich also gut überlegen, ob man seinem Kleinkind Ohrlöcher stechen lässt.

Schädigt es ein Kleinkind tatsächlich, wenn Mama ihm Ohrringe hat stechen lassen? Oder geht dieser Schmerz vorüber genauso wie ein aufgeschürftes Knie? Vorbei und vergessen? Was meint Ihr?

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