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Nocebo-Effekt: Krankheiten googlen macht erst recht krank!

DAS bedeutet der Nocebo-Effekt
DAS bedeutet der Nocebo-Effekt Panik, Ängste und oft krank 00:00:22
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Eine Einstellung kann gesund oder krank machen

Der Placebo-Effekt ist allgemein bekannt: Der positive Glaube an ein Medikament steigert dessen Wirkung. Es gibt aber auch ein negatives Gegenstück zum Placebo: den Nocebo, der die Heilung verlangsamen, ganz aufhalten oder den Körper krank machen kann. Er wird in den meisten Fällen durch die Lektüre der Beipackzettel, Besprechungen mit dem Arzt und der Google-Suche nach den Symptomen hervorgerufen.

Er ist der böse Zwilling des Placebos: Anstatt den Körper auf Heilung einzustellen, stellt sich ihr der Nocebo-Effekt in den Weg
Wenn ein Kranker nicht an die Heilung glaubt, tritt sie später oder gar nicht ein. © Alexander Raths - Fotolia, Alexander Raths

Googlen Sie Ihre Krankheitssymptome, bevor Sie zum Arzt gehen? Das könnte üble Folgen für Sie haben. Denn aufgrund der eher negativen und häufig stark übertriebenen Suchergebnisse ist es möglich, dass Sie sich für krank halten, obwohl Sie es gar nicht sind. Der Effekt, der hier eintritt, heißt ‚Nocebo‘, was lateinisch für ‚Ich werde schaden‘ steht und ist damit das Gegenstück zum ‚Placebo‘, was ‚Ich werde gefallen‘ bedeutet. „Nocebo-Effekte sind negative psychologische oder körperliche Reaktionen: Symptomverschlimmerungen oder das Neu-Auftreten von Symptomen, die ausgelöst werden durch negative Erwartungen, negative Überzeugungen oder negative Vorerfahrung und Angst“, so Prof. Ulrike Bingel, vom Universitätsklinikum Essen.

Besondere Bekanntheit erlangte der Effekt im Jahr 2007: Ein 26 Jahre junger Mann, der gerade an einer Antidepressiva-Studie teilnahm, hatte versucht sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Nach einer Überdosis der Psychopharmaka, die er während der Studie einnehmen sollte, wurde er in einem kritischen Zustand mit einem sehr niedrigen Blutdruck in eine Notaufnahme eingeliefert. Dort stellte sich heraus, dass die von ihm eingenommenen Tabletten nur Scheinmedikamente waren, sie enthielten keinen Wirkstoff. Allein der Glaube an ein baldiges Ableben durch die Tabletten hat den Probanden aber beinahe tatsächlich das Leben gekostet. Nachdem der Kranke davon erfahren hatte, verbesserten sich seine Werte schnell wieder.

Ursachen: Internet, Beipackzettel und der Mangel an Vertrauen zum Arzt

Leider treten Nocebo-Effekte aber auch immer häufiger außerhalb von solchen extremen Situationen auf. Das passiert zum Beispiel dann, wenn Patienten nach ihren Krankheitssymptomen im Internet suchen: In sehr vielen Fällen finden sie erschreckende Ergebnisse, die etwa auf unheilbare Krankheiten oder Krebs deuten – aber nicht von Medizinern stammen. Nach einer solchen Recherche sind die Patienten in der Regel frustriert und niedergeschlagen – und hemmen mit ihrer Einstellung die eigene Heilung.

Ähnlich verhält es sich mit Menschen, die die Beipackzettel von Medikamenten studieren und dann glauben, von einer Nebenwirkung betroffen zu sein, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind. Das stellt Ärzte oft vor Rätsel, denn: Die Kopfschmerzen, die durch einen Nocebo-Effekt entstanden sind, sind echt – selbst, wenn ihre Ursache bloß in der Einstellung des Patienten liegt.

Diese Rätsel sind oft nur schwer zu lösen. Das liegt auch daran, dass sich Ärzte oft nicht genug mit einem Patienten aufhalten. Im bundesdeutschen Schnitt sind es sieben Minuten, die ein Patient mit einem Arzt pro Besuch spricht – anscheinend zu wenig, damit der Patient Vertrauen zum Mediziner aufbaut. Aus Sicht der Ärzte ist das aber wirtschaftlich: Sie verdienen nur mit Diagnostik und Therapien Geld, nicht mit Konsultationen. Aus diesem Grund werden im Gespräch mit einem Patienten oft eher Nebenwirkungen als der eigentliche Nutzen des Medikamentes besprochen.

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